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Anna von Freyberg, die Wohltäterin Laupheims

von Rolf Müller

 

Der Name „Anna von Freyberg“ kommt in der Laupheimer Adelsfamilie der Ritter von Ellerbach, deren Namen sich angeblich vom nahen Erbach ableitet, gleich zweimal vor. Zum einen war es eine Anna geborene von Freyberg, verehelichte von Ellerbach und zum anderen eine Anna geborene von Ellerbach, die mit einem Adeligen von Freyberg zu Neuensteußlingen verheiratet war. Die erstere Anna war die zweite Gemahlin des Ritters Burkhart von Ellerbach, einem Sohn des 1415 verstorbenen Heinrich des Langen von Ellerbach, und somit Ururgroßmutter der zweiten Anna von Freyberg.  Sie war vermutlich eine Tochter des Kaspar von Freyberg zu Pfaffenhofen an der Roth. Aus ihrer Ehe mit Burkhart von Ellerbach sind sieben Kinder bekannt, darunter der Sohn Burkhart, späterer Ortsherr von Laupheim, sodann der Sohn Ritter Walter, der um 1461 das Franziskanerinnenkloster zu Unlingen bei Riedlingen gestiftet haben soll, sowie eine Tochter, die einen Burkhart von Freyberg zu Neuensteußlingen ehelichte. Die durch letztgenannte Heirat entstandenen verwandtschaftlichen Beziehungen zwischen Ellerbachern und den Freybergern zu Neuensteußlingen könnten 1553 mit zur Heirat deren Urgroßnichte Anna mit Hans Pankraz von Freyberg geführt haben. Während ihrer Ehezeit stiftete ihr Gemahl Burkhart 1427 einen Jahrtag für sich und seine Ehefrau im Kloster Blaubeuren, teilte 1434 mit seinen beiden Brüdern Heinrich und Puppelin den Familienbesitz und erlangte im August des gleichen Jahres auf dem Reichstag zu Ulm von Kaiser Sigmund das Marktrecht und die Gerichtsbarkeit für Laupheim.  Im Jahre 1445 stiftete er die heutige St. Leonhardskapelle, die 1449, also vor nunmehr 550 Jahren, vom Konstanzer Bischof geweiht wurde.  

Die für Laupheim wesentlich bedeutendere Anna von Freyberg ist die Geborene von Ellerbach, eines der vier Kinder des Laupheimer Ortsherrn Eitel Hans von Ellerbach und der ihm 1529 angetrauten Margarete von Stoffeln zu Hohenstoffeln im Hegau. Ihre Ururgroßgroßmutter Margret von Ellerbach hatte den Ritter Heinrich von Randeck zu Staufen geheiratet. Deren gleichnamige Tochter, also die Urgroßmutter ihrer Mutter Margarete von Stoffeln, ehelichte Hans Ulrich von Stoffeln, wodurch schon lange Zeit verwandtschaftliche Verbindungen zwischen den beiden Adelsgeschlechtern bestanden. Annas Geburtsort und Geburtsdatum weiß man nicht. Anno 1553 heiratete sie Hans Pankraz von Freyberg zu Neuensteußlingen, der 1581 verstarb. Die Ehe blieb kinderlos. Sie selbst starb am 8. Februar 1589. Ihr Grab ist nicht bekannt. Ihr einziger Bruder, Bernhard, war mit Magdalena, einer Tochter des Erbmarschalls Wolf von Pappenheim zu Grönenbach im Allgäu verheiratet. Nach seinem Tode wurde Bernhards Witwe auf das freiadelige Gut Bellenberg verwiesen. Daneben gab es noch zwei Schwestern: Ursula war mit dem Bruder von Bernhards Frau, also dem Bruder ihrer Schwägerin Magdalena, einem Philipp Erbmarschall von Pappenheim verheiratet. Die jüngere Schwester Appolonia blieb ledig und wohnte 1585 bei ihrer Schwester Ursula.

Ihr Vater Eitel Hans hatte die Ortsherrschaft 1552 von seinem Vater Burkhard Hans übernommen und 1564 seines erlebten Alters und „leibschwachheitshalber“ seinem einzigen Sohn Bernhard übergeben. Nach dem frühen Tod Bernhards trat er als letzter Ellerbacher im Mannesstamm nominell erneut das Lehen des Hauses Habsburg an, während faktisch sein mit seiner Tochter Anna verheirateter Schwiegersohn Hans Pankraz von Freyberg die Verwaltung innehatte.  Eitel Hans ist am 7. August 1570 verstorben.  Als erledigtes Mannlehen fiel Laupheim damit an Österreich zurück.  Mit der Laupheimer Linie der Herren von Ellerbach war das Geschlecht insgesamt erloschen. Die Linien zu Krumbach und zu Mattsies bei Mindelheim sowie zu Eberau im Burgenland sind fast hundert Jahre früher ausgestorben.

Das heimgefallene Lehen hatte Erzherzog Ferdinand von Österreich am 16. Oktober 1570 seinem Schwager Karl Welser Freiherrn von Zinnburg, Landvogt der Markgrafschaft Burgau, verliehen, der es aber schon am 12. Februar 1571 mit Zustimmung der Habsburger an Hans Pankraz von Freyberg, dem Gemahl Anna von Freybergs, um 20 000 Gulden verkaufte. Bei der folgenden Belehnung wurde die Klausel „Im Falle Hans Pankraz und seine beiden Brüder ohne Erben sterben, soll das Lehen an ihren Vetter Reichsfreiherr Michael von Welden und dessen männliche Lehenserben fallen“ aufgenommen. Um das Erbe des 1570 verstorbenen letzten Ellerbachers Eitel Hans wurde lange gerangelt. Erst im Dezember 1578 konnte in Biberach ein endgültiger Vergleich ausgehandelt werden. Hans Pankraz von Freyberg hatte an jede seiner beiden Schwägerinnen Ursula und Appolonia für deren jeweiliges Drittel an Laupheim und Grubach, einem Hofgut bei Weihungszell, 14 000 Gulden, und für das übernommene Schlössle in Ehingen, die Kaplanei in Schelklingen und die sogenannten Handschuhlehen in Riedlingen, Donaurieden, Erbach und dort herum jeweils 800 Gulden zu entrichten.

 

Das Dorf Bellenberg, nördlich von Illertissen im Illertal gelegen, war als freiadeliges Gut an keine Lehensgesetze gebunden und fiel deshalb den drei Töchtern des letzten Ellerbachers zu. 1573 wurde in Weißenhorn eine Kommission gebildet, die den Flecken Bellenberg in drei gleiche Teile aufgliedern sollte. Als dies 1574 geschehen war, mußten die Erben durch Zettel, die von Unparteiischen gezogen wurden, darum losen, wem die einzelnen Teile zufallen sollten. Die Ortsherrschaft mit allen damit irgendwie zusammenhängenden Rechten wie zum Beispiel Gerichtsbarkeit und Jagdrecht sollte jeder Teil abwechselnd ein Jahr innehaben.  Der Alte Burgstall und dabei ein acht Jauchert großes Hölzle, die Burghalde, und die Mühlen blieben gemeinsamer Besitz der drei Erbinnen. 

Hans Pankraz von Freyberg verstarb am 21. Januar 1581. Seine Witwe Anna stiftete 1582 einen Jahrtag in das Franzinskanerinnenkloster Warthausen und 1584 in das Benediktinerinnenkloster Urspring bei Schelklingen, wo sich auch die Grablege der Adelsfamilie befand.  Für ihr eigenes Seelenheil stiftete sie einen Jahrtag, der in der Laupheimer Pfarrkirche zu halten war,

Bei der Belehnung von Hans Pankraz von Freyberg war bereits berücksichtigt worden, was ein Jahrzehnt später eintrat: da der Belehnte kinderlos starb, konnten die vorsorglich mitbelehnten Reichsfreiherrn von Welden die Nachfolge antreten. In der Person von Conrad von Welden wurden sie am 16. Februar 1582 mit Burg und Dorf Laupheim belehnt. Der verstorbene Hans Pankraz von Freyberg war ein Vetter des verstorbenen Carl I. von Welden gewesen, der wiederum Onkel des nunmehrigen Ortsherrn Conrad von Welden war. 

Ihr bisheriges Testament von 1579 ersetzte Anna der veränderten Umstände halber am Heiligabend 1585 durch ein neues. Kleider, Schmuck und Silbergeschirr sollten ihre Basen bekommen. Ihren beiden Schwestern vermachte sie Geld. Den als Vett6r bezeichneten Conrad von Welden, seit 1582 mit der Herrschaft Laupheim belehnt, verschaffte sie als Legat neben Geld ihren Teil an der hohen und niederen Gerichtsbarkeit samt Jagdgerechtigkeit zu Bellenberg und den Vogthafer aus dem dortigen Widumshof, die Lehenschaft der zu Laupheim gestifteten Kaplaneipfründe mit der besonderen Auflage, für die Ellerbacher-Jahrtage in der Pfarrkirche und das gestiftete Almosen besorgt zu sein. Dem als Schwager bezeichneten Hans Sigmund von Freyberg zu Eisenberg vermachte sie neben Geld das Schlössle zu Ehingen samt Hausrat, die Lehenschaft über die Pfründe und Stiftung zu Urspring samt dem Vogthafer von dem Hofgut Blienshof bei Ehingen und die genannten Handschuhlehen zu Riedlingen, Donaurieden, Erbach und dort herum. Dieser Besitz sollte unveräußerlich sein, das Lehen über die Pfründe dauernd mit dem Gut Altheim unweit Ehingen verbunden sein. Mit allem übrigen Vermögen und insbesondere ihrem Drittel an den grundherrlichen Gefällen des Orts Bellenberg stiftete Anna von Freyberg das Spital zu Laupheim. Für die Stiftung verblieb neben dem Drittel von Bellenberg noch ein Kapital von 20 000 Gulden. Sie dachte an eine Spitalbehausung mit Scheuer und Stallung sowie dazugehörigem Spitalmeister samt Mägd und Knecht. 

Der Stifterin endlich Will und Befehl im Testament war, „daß man vor allen Dingen Arme, Kranke und sonst bedürftige Leute von Bellenberg, als die ihre Rent, Zins oder Gült zur Unterhaltung solches Spitals geben, in demselben Spital aufnehmen und daselbst unterhalten solle und wo es statt mag haben oder dieses Spital durch andere gottesfürchtige christliche Leut auch weiter begabt würd, mag man auch Arme, Kranke und sonst dürftige Leut zu Laupheim, bei denen es angelegt und ein Almosen ist, und die das ihrige nicht unnütz verschwendet haben, allda auch einnehme, jedoch daß die von Bellenberg zuvorderst bedacht werden“. Zur Vollstreckung ihres Testaments bestimmte sie Erzherzog Ferdinand von Österreich zum obersten Exekutor und ihre Vettern und Schwäger Georg Wilhelm von Stadion zu Magolsheim, Dietrichen von Bernhausen zu Herrlingen und Wernher Hektor von Freyberg von Eisenberg zu Hyrbell, dem nunmehrigen Dorf Hürbel, als Unter-Exekutoren.

Anna von Freyberg dachte bei ihrer Stiftung an unverschuldet Arme und religiös-sittliche Personen, aber auch an nur bedürftige Insassen, die sich an den Spitalkosten beteiligen, wobei Bellenberger ein Vorzugsrecht hatten. Daraus ersieht man, daß Anna als Ellerbacherin also noch nicht vergessen hatte, daß am 26.  März 1525 von den aufständischen Bauern des Baltringer Haufens, darunter viele Laupheimer, die Burg ihres Großvaters Burkhart Hans von Ellerbach niedergebrannt wurde und dabei ein geschätzter Schaden von 6 000 Gulden entstanden war. Erst Mitte des 16. Jahrhunderts wurde für die abgebrannte Burg ein Neubau errichtet. Vermutlich war dies der Grund, „daß die von Bellenberg zuvorderst bedacht“ werden sollten. Es war jedenfalls eine sehr hochherzige Stiftung, die heute nach über vierhundert Jahren noch immer Bestand hat. Über Annas Testament schreibt August Schenzinger 1897 in seinem Buch „Illustrierte Beschreibung und Geschichte Laupheims samt Umgebung“:

„Ein wahrhaft christlich, frommes Herz spricht aus diesen von heiliger Liebe zu den Armen diktierten Sätzen. Ein reine herrliche Seele leuchtet aus jedem dieser Gedanken, welche in der tiefsten Tiefe wahrhaft christlichen Erfassens wurzeln. Die Ehre des dreieinigen Gottes und die flammende Liebe zu den Armen - diese beiden Flammen durchzucken das edle Herz dieser dem Tode so ruhig entgegenschauenden Witwe, in welcher für Laupheim die Krone aller Herren und Herrinnen von uns genommen worden ist“.

Baron Carl von Welden hatte für das Spital einen tauglichen Platz zu kaufen, den Bau samt Zugehör aufzuführen und einen Spitalmeister zu besorgen. Die öffentliche Verwaltung der Stiftung begann schon im Jahre 1587. Kaiser Rudolf II. befahl am 30. April zu Prag Carl II. von Welden binnen dreier Monate die Aufrichtung des Spitals - jetzt schon im achten Jahre nach dem Tode der Stifterin - endlich mit Zahlung von Zins und Kapital zu vollenden. Er schuldete damals in der Nachlaßsache der Spitalstifterin noch 11 000 Gulden. 1598 wurde mit dem Bau des Spitals samt Gotteshaus am Markt begonnen; 1601 war es im wesentlichen fertiggestellt. Es war ein ansehnlicher, mit einem Türmchen geschmückter Bau mit einer eigenen Kapelle im Erdgeschoß. Im Keller befand sich eine laufende Quelle reinen Trinkwassers. Im Türmchen befand sich eine Glocke zum Feuerlärmen. Anno 1897 hatte der Dachreiter noch eine Uhr mit Stundenschlag. Auf der Rückseite war eine Scheuer und ein Schopf angebaut. Das Spital wurde unter den Schutz des Heiligen Geists und die Oberaufsicht der österreichischen Markgrafen von Burgau gestellt. Von Burgau wurde auch der Spitalmeister bestimmt.

Über dem Haupteingang verkündet ein vom Ulmer Steinmetzen Hans Schaller gearbeitetes Epitaph bis heute: „Anno Domini 1589 den 8. Monatstag Februarij ist in Gott seliglich entschlaffen die edel Fraw Anna von Freyberg geborne von Ellerbach, Wittib, Stifterin dises Gottshauß und Hosspitals zum hayligen Gaisst“.

In neuerer Zeit erinnert man sich der großen Wohltäterin von Laupheim vermehrt: Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Schlageterstraße in Anna-von-Freyberg-Straße umbenannt. An dieser Straße wurde um 1958 von dem einheimischen Malermeister Hans Hensler (1925-1990) ein Sgraffitobild der edlen Frau und Wohltäterin Laupheims an der Giebelseite eines Mehrfamilienhauses angebracht. Auf der von der Stadt Laupheim zur 1200-Jahrfeier 1978 herausgebrachten Gedenkmünze wurde Anna von Freyberg abgebildet. Die Grundschule an der Mittelstraße erhielt am 14. Juli 1995 den Namen „Anna-von-Freyberg-Grundschule“. Jeweils am Pfingstmontag wird in der wiederhergestellten Spitalkapelle zum Patrozinium eine Jahrtags-Gedenkmesse gelesen, bei der an die Stifterin und ihre Familie gedacht wird.

Diese Ehrungen hat sie verdient: Sie war und bleibt eine große Wohltäterin für Laupheim.

   

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