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Carl Laemmle und Deutschland

Von Dr. Udo Bayer, Laupheim

Die Erschließung verschiedener neuer Quellen zu dem aus Laupheim stammenden großen Hollywood-Pionier und Gründer der Universal, Carl Laemmle, erlaubt es, einige Momente vor allem seiner Beziehung zu Deutschland etwas genauer zu beleuchten. Wir erhalten so gewissermaßen  Mosaikbausreine zu seiner Biographie, deren Buch form bekanntlich nur den Zeitrau bis ca. 1930 umfaßt und auf Deutschland bezogene Einzelheiten naturgemäß vernachlässigen muß. Zum einen bestehen diese Quellen in Akten aus dem Laupheimer Stadtarchiv, die großenteils Myrah Adams zu sammengestellt har; sodann ist sein persönlicher Nachlaß zu erwähnen, der überraschenderweise im Natural Hisrory Museum of Los Angeles — Seaver Genter for Western History Research liegt. Laemmle hatte dieses Museum finanziell unterstürzt, und seine 1994 verstorbene Enkelin hat daher diese Dokumente dort hingegeben. Die Dokumentarfilme werden als Laemmle-Collection im Medienarchiv der University of California Los Angeles aufbewahrt und vermutlich Laupheim in Kopie zugänglich gemacht, die Stiftung Deutsche Kinemathek in Berlin konnte den Nachlaß von Paul Kohner, der einige Jahre für Laemmle, u. a. auch als Produzent bei der Deutschen Universal, gearbeitet hatte, erwerben; er enthält über 100 Briefe Laemmles. Im Archiv der Universal in Los Angeles befindet sich eine Fülle von Fotomaterial zu Filmen und von Presseveröffentlichungen, und schließlich ist noch das Deutsche Institut für Filmkunde in Frankfurt mit seiner umfangreichen Sammlung von Filmzeitschriften zu nennen.

Bereits die Generation der Großeltern von Laemmle ist in dem seit einer Ministerialverfügung nach dem Emanzipationsgesetz von 1828 angelegten Verzeichnis der Laupheimer Juden aufgeführt:

Samuel Laemmle, sein 1804 in Laupheim geboren Großvater mütterlicherseits mit der Berufsbezeichnung „Schacherhändler“; seine Taschenuhr hat Carl später erhalten, und Laemmles Schwiegersohn hat sie dem Laupheimer Museum geschenkt — übrigens das wertvollste Objekt der Sammlung zu Laemmle. Bei Samuels 1793 geborenem Bruder Lehmann fehlt der Eintrag des Geburtsorts; es ist möglich, daß er noch in Fischbach geboren wurde, von wo die Laemmles um die Jahrhundertwende nach Laupheim kamen. Noch heute befindet sich in diesem südlich von Augsburg gelegenen Städtchen ein jüdischer Friedhof mit Trägern dieses Namens. Bis etwa 1570 lassen sich die Spuren der Fischacher Judengemeinde zurückverfolgen, wobei möglicherweise die Vertreibung aus Augsburg den Anlaß für diese Ansiedlung gab. Was die Herkunft des Namens Lämmle betrifft, so wurden hierzu in den „Mitteilungen der Gesellschaft für jüdische Familienforschung“ zwei Vermutungen genannt: zum einen kann es eine Umformung des hebräischen „Lemuel“ (wohl mit mohel = Beschneider zusammenhängend) sein, zum anderen vertritt die Verkleinerung des Wortes Lamm im Spätmittelalter den hebräischen Namen Ascher, weil in Israel das Lamm als Synonym des Wohlgenährten galt.

Auf Laemmles Großvater Baruch vermutlich bezieht sich das bislang älteste erhaltene Dokument, das die Spuren der Familie in Laupheim zeigt. Es handelt sich um einen Bescheid des Oberamts Wiblingen von 1838, der eine Bitte Baruch Laemmles, von Laupheim aus einen Kramhandel betreiben zu dürfen, ablehnt, da für das beabsichtigte Gewerbe kein „örtliche(s) Bedürfnis“ bestehe; der Kramhandel mit „unzünftigen Eisenwaren“ hingegen bedürfe keiner Erlaubnis — schließlich existierte in Württemberg zu dieser Zeit noch die Zunftverfassung. Carl Laemmles Vater Judas Baruch, auch Julius genannt, geboren 1825, wird in den Verzeichnissen bereits als „Handelsmann“ geführt, der Onkel Josef war Rechtsconsulent — Zeichen eines beginnenden sozialen Aufstiegs.

Am 28. Januar 1884 war der 1867 geborene Carl Laemmle nach New York aufgebrochen, nach einem knapp zweijährigen Besuch der Lateinschule in Laupheim, die heute als Gymnasium seinen Namen trägt, und nach einer dreijährigen Lehrzeit in Ichenhausen. Im persönlichen Nachlaß hat sich ein Album erhalten, das er zeitlebens aufbewahrt hat und in dem sich über Jahrzehnte vor allem auch Angehörige und Freunde aus Laupheim verewigt haben, häufig mit selbstgedichteten Sinnsprüchen oder auch Malereien, wie sie sein Münchner Freund Regensteiner, mit dem zusammen er in die neue Welt aufgebrochen war, hinterließ, Der Eintrag seines Vaters am Vorabend der Abreise sei hier zitiert:

Vertrau auf Gott wie auf Lebens Freuden

die letzte auch dich zu verlassen droht,

wie dir die Gegenwart nur unter Leiden,

die Zukunft Dir erscheint als Bild der Noth.

Vertrau auf Gott, der unsichtbar Dich schützet,

Sein Kind verläßt der gute Vater nicht.

Er weiß am besten was Dir nützet,

Und ewig hält er was er dir verspricht.

Mögen Dich, lieber Karl, diese Zeilen

manchmal erinnern an Deinen Dich

liebenden treuen Vater Julius.

 

Auch zu Datierungsfragen ist dieses Büchlein aufschlussreich — so finden sich etwa Einträge zu Europareisen 1886 und 1889, die Laemmle mehrfach trotz seiner sicher nicht üppigen finanziellen Lage unternommen hatte. 1889 wünscht ihm sein dreizehn ‚Jahre älterer Bruder Josef „eine glückliche Reise nach der alten Heimath“; er war schon Jahre vor CarI ausgewandert und hat, was bislang auch wenig bekannt war, beim Aufbau des Filmtheatergeschäfts in Chicago ab 1906 mitgewirkt. Josef Laemmles 1909 geborene Tochter Carla ist übrigens die einzige noch lebende engere Verwandte; sie hat dieses Jahr zum ersten Mal Laupheim besucht. Der jüngere Bruder Louis, Konditorlehrling, wird auf Antrag 1887, drei Jahre nach seinem Bruder Carl, aus der württembergischen Staatsangehörigkeit entlassen, um ebenfalls nach Amerika zugehen.

Was Laemmles bereits 1919 verstorbene Frau Recha, geborene Stern, betrifft, so ließ sich hei der Gemeindeverwaltung von Stadt Steinau im Main Kinzig-Kreis das Geburtsdatum ermitteln: 8. Juli 1875. In einem Heimatmuseum wird dort auch an die ehemaligen Landjudengemeinde erinnert, der die Sterns entstammten. Nicht feststellbar war, wann sie ihrem Onkel nach Oshkosh/Wisconsiri gefolgt ist, wo sie Carl Laemmle in der Sternschen Textilfabrik kennen lernte. Mitglieder der Familie Stern waren ebenfalls im Filmgeschäft tätig, und 1927 begleitete Julius Stern, Präsident der Stern Film Corporation, Laemmle unter anderem auch nach Laupheim. Ihr Metier waren offenbar vor allem Filmkomödien, weswegen die „Stern Brothers Comedies“ zum Begriff wurden.

Zu Laemmles erstem Laupheim-Aufenthalt nach dem Krieg hat ihm die Inhaberin des Ochsen, Sofie Saenger, am 2. Oktober 1920 einen Spruch in seinem Album gewidmet. Anläßlich dieses Besuchs ist auch das erste Beispiel von Laemmles finanzieller Großzügigkeit gegenüber seiner Geburtsstadt dokumentiert, die einen wichtigen Abschnitt im Rahmen dieses Aufsatzes ausmacht. Diese Dokumente sind natürlich nicht neu, aber sie wurden bislang in keiner Publikation ausführlich und zusammenhängend ausgewertet. Dies soll hier zumindest ansatzweise geschehen.

Laemmle errichtete zusammen mit dem Stadtschultheiß Schick den Vertrag über die „Carl Laemmlesche Armenstiftung“, demzufolge Laemmle 100000 Mark hei der Gewerbebank an legte mit der Maßgabe, daß die Ortsarmenbehörde die Verwaltung und Verwendung der Zinsen übernehmen sollte; mit seinem Tode sollte das Kapital der Stadt als dauernde Armenstiftung zufallen, deren Erträge an die Ortsarmen „ohne Ansehung der Konfession“ verteilt werden sollten. Um den Betrag in seiner Größe einzuschätzen, kann man ihn zum einen auf den — allerdings stark schwankenden — Dollarkurs beziehen, der für 1920 im Schnitt bei 15 Mark lag. Eine andere, binnenwirtschaftliche und daher aussagefähigere Bezugsgröße für die Kaufkraft wäre der durchschnittliche Monatslohn eines Arbeiters, der nach Petzina knapp 100 Mark betrug. Diese Bezugsgröße der Lohnhöhe bleibt übrigens relativ konstant. Dem Ortsfürsorge-Ausschuß gehörte seit 1931 auch der Mann von Laemmles Nichte und Universal-Repräsentant für Europa, der im Haus in der Radstraße wohnende Max Friedland an. Er legte dieses Amt im März 1933 nieder. Die Armenstiftung wird im Januar 1941 formell aufgelöst; das Stifrungskapital fällt nun, nach dem Tode Laemmles im September 1939, der Stadt „als dauernde Armenstiftung“ zu, wobei unklar bleibt, ob weiterhin vertagsgemäß Ausschüttungen erfolgen. Die Stiftungssumme hatte einen Goldwert von 10400 Mark, der zm Jahr 1932 um 10 Prozent aufgewertet wird, vermutlich — so der Tübinger Zeithistoriker Schulz — im Zusammenhang mit den Ergebnissen der Deflationspolitik seit 1931 und der von ihr bewirkten fühlbaren Senkung des allgemeinen Preisniveaus. Der Tod Laemmles wurde von den Angehörigen telegrafisch zuerst dem Vorsitzenden des Israelitischen Vorsteheramts mitgeteilt, der darüber die Stadtverwaltung informierte.

Dieser erste Besuch erhält eine besondere Bedeutung dadurch, daß Laemmle auf einer Festsitzung des Gemeinderats der etwa ein Jahr zuvor verliehene Ehrenbürgerbrief überreicht wird. Der Laupheimer Verkündiger vorn 31. Juli berichtete hierüber, Laemmle „suchte in seiner Bescheiden heit alles mögliche zu verdecken, was ihm zur Ehre gereichen muß, Am Schluß der Sitzung lud Herr Stadtschultheiß Schick den Gast, die Mitglieder des Gemeinderats und den Ausschuß des Verschönerungsvereins, jenes Vereins, dessen Bestrebungen sich der besonderen Wertschätzung des Herrn Lämmle erfreuen dürfen, zu einer geselligen Unterhaltung in den Gasthof zum Ochsen ... Beim Eintritt in den Saal sah man einladend gedeckte und mit Blumen geschmückte Tische, denn der Gast hatte es sich nicht nehmen lassen, den Gastgeber zu machen“. Im Oktober 1921 stellt sich der Gemeinderat noch hinter seinen Beschluß vom Vorjahr, Laemmle das Ehrenbürgerrecht zu verleihen; mittlerweile hat ein Abgeordneter der politischen Rechten im Landtag eine gegen Laemmle gerichtete Anfrage eingebracht. Aber am 3. Dezember wird bekannt gegeben, das Ministerium des Innern habe „zu erkennen gegeben“, Voraussetzung sei, daß der Betreffende nicht Ausländer sei; daher habe das Ehenamt den Beschluß „als ungesetzlich außer Wirkung gesetzt. Von dieser Verfügung wird heute Kenntnis genommen und beschlossen, davon dem C. Lämmle Kenntnis zu geben“. An diesen Sachverhalt muß hier noch einmal erinnert werden, denn er bildet den Hintergrund für Laemmles Verhalten gegenüber Laupheim im folgenden Jahrzehnt.  

Laemmles, des „heimattreuen Landsmanns“ (wie der Ortschultheiß formuliert) nächste Aktion ist eine Geldsammlung zugunsten Laupheims, angeregt von Stadtrat Max Bergmann. Sie erbringt bis März 1921 340989 Mark, bis Januar 1922 noch einmal 20794 Mark. Hinzu kommt in diesem Jahr eine persönliche Spende Laemmles in Höhe von 50000 Mark, wovon die eine Hälfte der Mittelstandsnothilfe“ zugeteilt wird und die andere auf Laemmles Wunsch an Neujahr den Armen ausgeteilt wurde. Die Verteilung von Lebensmitteln aus Mitteln der Carl-Lämmle-Spende“ wurde aber auch zu anderen Terminen vorgenommen, wie etwa aus einem Gemeinderarsprotokoll von 1926 hervorgeht: im März beispielsweise wurden an Erwerbslose für 450 Mark Schmalz und Zucker verteilt, und zwar an Verheiratete je zwei Pfund, an Ledige die Hälfte; außerdem erhielten die Erwerbs losen zum Weißen Sonntag“ je drei Mark.

Ein Jahr später, im Krisenjahr 1923, erhält Laemmle einen Bettelbrief des Stadtschultheißen, in dem dieser auf zwei Seiten notwendige Bauvorhaben und Soziallasten der Gemeinde aufzählt, um folgendermaßen zu schließen: „Wir haben im Gemeinderat eingehende Beratung darüber gepflogen, wie wir aus dieser Notlage herauskommen könnten, da die Steuerschraube nicht mehr weiter angezogen werden kann und kamen auf den Ge danken, die Gutherzigkeit unserer in Amerika lebenden Mitbürger anzugehen, und gingen dabei von der Anschauung aus, dass es dem valutastarken Amerika ein Reichres sein werde, hei dem jetzigen Valutastand unserer Mark eine entsprechende Anzahl Dollars dafür aufzubringen, und uns die Zahlung der für Laupheim unerschwinglichen Summe von nahezu 5 Millionen Mark zu ermöglichen.“ Die Dollarparität hatte sich allein im Laufe des Januar von 7260 auf 50000 Mark verschlechtert, was man hei dieser Summe im Auge behalten muß, aber man sollte sich angesichts des späteren Verhaltens Laupheims und der Laupheimer gegenüber Laemmle und der Erinnerung an ihn diesen Brief doch noch einmal ins Gedächtnis rufen, Eine Antwort Laemrnles ist im Gemeinderatsprotokoll nicht vermerkt; er wird im Juli aber zu einer offiziellen Festsitzung des Gemeinderats eingeladen, deren Thema die Verwendung seiner Spenden sein soll. Sogar die „Anbringung eines Bildes“ im Sitzungssaal wird besprochen. Laemmle spendet der Gemeindeverwaltung 1500 $‚ zu diesem Zeit punkt die Summe von 525 Millionen Mark. Im Oktober 1923 stellt der Gemeinderat bekümmert „das rapide Schwinden des Dollarkontos“ fest, und Max Bergmann sieht den „einzigen Ausweg“ darin, „unter Klarlegung der Verhältnisse an Herrn CarI Lärnrnle, New York, die Bitte um weitere Unterstützung der Gemeinde“ zu richten, wofür sich der Gemeinderat einstimmig ausspricht.

1923, dieses Jahr der Ruhrbesetzung und der Hyperinflation, verschlimmerte die soziale Not auch in Laupheim. Laemmle schreibt im November an den Stadtschultheiß-. „ Seit wir uns zum letzten Mal gesehen haben, haben sich die Verhältnisse in Deutschland sehr verändert. Ich kann mich, so sehr ich es auch versuche, gar nicht hineindenken. Dass Sie aller meiner Sympathie versichert sein dürfen, brauche ich Ihnen wohl nicht extra zu sagen. Vor einigen Wochen habe ich angefangen für unsere armen Klassen in Laupheim Kleider zu sammeln die Sachen sollen ohne Unterschied der Konfession verteilt werden.“ (Daß der Glöckner von Notre Dame ein „riesiger Erfolg“ war, wie Laemmle noch erwähnt, dürfte für den Adressaten vergleichsweise uninteressant gewesen sein.)

Skrentny hat aus der Saturday Evening Post, in der Laemmle eine regelmäßige Kolumne veröffentlichte, folgenden Aufruf übersetzt, den Laemmle in diesem Zusammenhang an seine amerikanischen Landsleute richtete und der es verdient, hier noch einmal zitiert zu werden (5. 40)-. „Ich appelliere an Sie, gute Samariter, und an meine Freunde und Bekannten in der ganzen Welt, mir Geld und Kleidung, alt und neu für das so sehr leidende deutsche Volk zu schicken. Keine andere Nation der Welt hat schnellere Hilfe verdient! Die Tatsache. daß diese Menschen Feinde von Amerika waren, daß sie von einem machtdurstigen närrischen Kaiser irregeführt und genötigt wurden, ein Teil seiner Kriegsmaschinerie zu sein, ist aus meinem Gedächtnis ge wichen; der Wunsch zu helfen war stärker.“

Im Januar 1924 kommen dann in Laupheim mindestens 26 Kisten (laut Frachtpapieren) mit insgesamt 1,4 Tonnen Kleidern an. Der Zentralverband der Kriegsgeschädigten und Hinterbliebenen wendet sich an die Verteilungskommission der Laemmle-Stiftung und bittet um Berücksichtigung bei der Verteilung „von den in letzten Tagen eingetroffenen Kleidungsstücken, stammend von unserem segensreichsten Wohltäter“. Der Brief schließt mit dem „wärmsten Dank für alle diese Wohltaten, die von Seiten der Karl-Lämmle-Komission unsern Kriegerwitwen, durch Abgabe von Mehl, Zucker, Kartoffel, Brikets und Geldspende!) zuteilgeworden sind“.  

Aus dem Jahr 1923 sind auch noch zwei Dokumente erhalten, die Laemrnles Beziehung zur jüdischen Krankenpflege- und Beerdigungsbruderschaft in Laupheim zeigen. Sie gehören zu den um fangreichen geretteten Rabbinatsakten, die heute in Jerusalem liegen und von Benigna Schönhagen im Auftrag der Stadtverwaltung erfaßt wurden. Laemmle ist Ehrengast der Feier anläßlich des I7 Bestehens der Laupheimer Chewra Kadischa, der er auch 500 Mark überweist. In der Rede wird Laemmle für seine Zuweisungen an die israelitische Gemeinde gedankt, wodurch es möglich gewesen sei, Schulhaus, Friedhof und die Synagoge wieder in Stand zu setzen. Daher wird er zum Ehrenmitglied ernannt. Mit ihn) anwesend ist übrigens Sigmund Moos, seine rechte Hand in Los Angeles, sowie ein Mitglied der Familie Heller aus Ichenhausen. Sie besuchte Laemmle ebenfalls regelmäßig hei seinen Deutsch da er Aaron Heller einen Teil seiner Bildung — über die Lehrlingsausbildung hinaus — verdankte. Die familiären Beziehungen waren auch dadurch verstärkt, daß Laemmles Bruder Louis sowie sein Neffe Ed- ward (ein Filmregisseur) in die Heller-Familie geheiratet hatten.

In das Jahr 1924 fällt die Finanzierung des „Lämmle-Bades“ im Neuen Schulhaus in der Rabenstraße mit Duschen und Wannenbädern auch für die Öffentlichkeit. Die Namensgebung soll seinen Namen für „künftige Zeiten in dankbarer Erinnerung“ festhalten, so das Gemeinderatsprotokoll.

Im März 1924 war Laemmles Schwester Karoline Bernheim verstorben. Laemmle bittet den Gemeinderat um Genehmigung. ihre Wohnung im Geburtshaus für sich selbst reservieren zu dürfen, was offenbar wegen der Wohnungsknappheit erforderlich war. Dem wird zugestimmt, weil Laemmle die Erstellung von acht neuen Wohnungen finanziert hat. Der „Wohnungsbau“ wird auch bei den Vorbereitungen zu Laemmles Besuch im Juli dieses Jahres als eines seiner Verdienste aufgeführt (neben der Kinderspeisung und der Unterstützung des Verschönerungsvereins). Laemmle ist bereit, Laupheim einen Kredit von 12 000 $ zu gewähren; dieses Entgegenkommen müsse besonders anerkannt werden, da „in der gegenwärtigen Zeit die Beschaffung von Bargeld mit außerordentlichen Schwierigkeiten verbunden oder gar zur Unmöglichkeit geworden ist“. Gleichzeitig spendet er 1500 $ (davon 500 für die Kinderspeisung), was übrigens etwa dem Zins für die nächsten zwei Jahre entspricht. Interessant ist in diesem Protokoll zum einen die Erwähnung „manchen Undanks“, den Laemmle in Laupheim habe erfahren müssen (wo- mir antisemitische Aktionen gemeint sein dürften). Zum anderen ist die Rede von „außerordentlich vielen Gesuchen, die vonseiten hiesiger Einwohner an Herrn Lämmle gerichtet werden und oft ganz unerfüllbare Wünsche enthalten“. Laemmle erklärte im Hinblick auf die vielen Darlehensgesuche, daß er aus jetziger Sicht die früher gewährten Darlehen nicht mehr geben würde; er wolle daher künftig „an einzelne Gemeindeangehörige ... nichts mehr ausgeben“ Sicher gehören auch diese beiden Fakten zur Geschichte der Beziehung von Laemmle und Laupheim.

Im Oktober 1924 hatte sich ein neu gegründeter „Turnhallebauverein Laupheim e. V.“ mit einem Spendenaufruf an die Öffentlichkeit gewandt, „denn jeder einsichtige Deutsche geht mit uns darin einig, dass gerade in heutiger Zeit der heran wachsenden Generation ausreichende Möglichkeit zum D und zu anderem Sport geschaffen wer den muss“. So stiftet Laemmle Ende 1925 für den Turnhallenbau in der Bühler Straße 20000 Goldmark; das Kapital von weiteren 10000 Goldmark sollte ebenfalls für den Turnhallenneubau verwendet werden, die Zinsen allerdings sollten achtzig Jahre lang einige Tage vor dem israelitischen Neujahrsfest zu einem Viertel an jüdische, zu drei Vierteln an christliche Arme verteilt werden. Laemmle hatte für einen Teil seiner Spende somit der Stadt eine beste soziale Gegenleistung auferlegt. Bei der Verwendung des Geldes mußten der Direktor der Gewerbebank, Heumann, und der Vorsitzende des Turnhallenhauvereins, Adolf Scheffold, gehört werden. Besonderen Dank stattete der Gemeinderat seinem Mitglied Max Bergmann ab, der zum Zustandekommen dieser Stiftung Laemmles wesentlich beigetragen habe. Außerdem wurde beschlossen,,, in der zu erbauenden Turnhalle in geeigneter, noch zu bestimmender Weise den kommenden Geschlechtern den Opfersinn des Herrn Lämmle vor Augen zu führen und ihm ein ewiges Zeichen des Dankes zu setzen“. Auch hier scheint die Ewigkeit kurz gewesen zu sein.

Was die Armenstiftung betrifft, so war sie übrigens nicht die einzige, die von einem in Amerika zu Wohlstand gelang Laupheimer Juden errichtet wurde; zeitgleich hatten Sam. S. Steiner und seine Frau aus New York zum Andenken an ihren Sohn William eine mit 10000 Goldmark ausgestattete Stiftung errichtet; sie wünschten aber keine Veröffentlichung darüber. Das Kapital selbst sollte eben falls zur Errichtung der Turnhalle verwendet wer den. Die Zusammenstellung der Einnahmen für den Turnhallenneubau mit einem Gesamtvolumen von knapp 90000 Mark (was gleichzeitig natürlich auch einen wichtigen Geldwertindikator für diese Zeit darstellt) zeigt, daß insgesamt etwa 45 Prozent von Laemmle stammten, denn Laemmle spendete 1926 weitere 10000 Mark hierfür, außerdem noch für Wohltätigkeitszwecke. Der Zeitungsbericht über die Einweihung am 23. Mai 1927 führt in der zitierten Begrüßungsansprache auch Carl Laemmle auf, der somit vermutlich auch persönlich anwesend war.

Im Jahr 1926 ergab sich eine weitere Gelegenheit zum Spenden: die Hochwasserschäden in Laupheim. Auch hier ist erwähnenswert, daß Laemmles Spendenanteil von 12 000 Mark allein etwa 40 Prozent des Gesamtaufkommens aus macht. Der Verschönerungsverein erhielt offenbar den Zinsertrag aus einem Laemmle gehörenden Kapital von 4000 Mark. Ihn schätzte, wie oben er wähnt, Laemmle besonders, und erfreulicherweise war es eben dieser Verein, der 1987 die erste öffentliche Ehrung Laemmles in Laupheim durch die Plakette an seinem Geburtshaus vornahm, sieht man einmal von der Benennung eines Sträßchens nach ihm ab.

Ein Artikel in The Film daily von 1926, anscheinend auf einem Interview basierend, erwähnt auch eine Spende Laemmles für die Restaurierung des Ulmer Münsters. Laemmle wird hier zitiert mit den Worten‘. „Das Glück hat mir gelacht; das wenigste, das ich tun kann, ist, es dort auszuteilen, wo es das meiste Gute bewirkt. Sagen Sie mir, wie ich den Leuten in Laupheim helfen kann — meinen Leuten, den Leuten meines Vaters.“

In Laemmles Autographensammlung im Seaver Center (deren wertvollste Stücke übrigens die Stadt Laupheim durch das entschlossene Handeln von Rolf Müller 1995 fernmündlich auf zwei Auktionen in San Francisco erwerben konnte) befindet sich auch ein Schreiben des Stadtschultheißen Konrad. Laemmle hatte die Angewohnheit, Leu ten, die er in seiner Sammlung verewigen wollte, Pergamentblätter zuzuschicken, und sn kam das Blatt Konrads in die Gesellschaft von Widmungs blättern von Roosevelt, Gershwin, Henry Ford oder Lumkre. Sicher ist dies ein Ausdruck seiner besonderen persönlichen Wertschätzung und daher an dieser Stelle erwähnenswert. Konrad schreibt im Februar 19280. a.: „Sie haben nicht nur durch Ihre fahelhaften geschäftlichen Erfolge den Namen unserer Heimat Laupheim über die ganze Welt (? unleserlich) getragen, Sie sind auch der immer hilfsbereite Helfer in unserer Not, der Vater unserer Armen und Kranken, dessen Güte keine Grenzen kennt — ich glaube, das ist der schönste und wert vollste Ehrentitel, den Sie im Leben je erwerben konnten. Gott schütze Sie auch fernerhin,“

Ein Schreiben der Lichispiel-Betriebs-Gesellschaft m.b.H. Laupheim an das Bürgermeisteramt aus dem Jahre 1935 dokumentiert relativ ausführlich die Geschichte dieser Firma, an der Laemmle zu 90 Prozent und Max Friedland als Geschäftsführer zu 10 Prozent beteiligt waren, also — neben der Deutschen Universal — einer weiteren Unternehmung Laemmles in Deutschland. Zunächst ist übrigens festzuhalten, daß das Kino eines Besitzers gleichen Namens in Laupheim nichts mit der Familie Carl Laemmles zu tun hatte. Die LBG wurde 1927/28 gegründet, um eigene oder gepachtete Lichtspieltheater zu betreiben. Sie kaufte eines in Schramberg und pachtete welche in Schwäbisch Gmünd, Sigmaringen und Rothenhurg o. T. Wegen der schwierigen Geschäftssituation in den Zeiten der Weltwirtschaftskrise und den Investitionskosten für die Umstellung auf Tonfilm mußte Laemmle 100000$ in die Firma stecken. Nachdem Friedland Genetalmanager der Universal für Europa und Vorstandsmitglied der Deutschen Universal geworden war, zog sieh die LBG aus dem Geschäft zurück und verkaufte die eigenen Theater, so daß sie 1935 nur noch als Pächter auftrat. 1937 befindet sieh die Gesellschaft in Liquidation: die Verpflichtungen werden u. a. durch eine Grundschuld auf das Friedhaus und Hypothekenforderungen Laemmle auch auf ein Haus in Laupheim, abgedeckt. Laemmle, der Deutschland nicht mehr besucht, unterzeichnet in Zürich.

Bislang unbekannt war auch die zum Thema Laemmle und Deutschland gehörende Tatsache, daß offenbar die Universität Würzburg — sicher nicht ganz uneigennützig — Laemmle Anfang 1929 eine Ehrendoktorwürde anbieten wollte. Dies geht aus einem Brief Laemmles an Kohner in Berlin hervor, wo Laemmle sehr barsch erklärt, er gehöre nicht zu der Art von Leuten, die einen Titel kaufen — das Angebot der Universität zielte wohl in diese Richtung. Dieses Selbstbewußtsein des amerikanischen Selfmademan hatte er schon bei seiner ersten Begegnung mit Paul Kohner zum Ausdruck gebracht, wie Frederick in seinem Buch berichtet: der achtzehnjährige Paul äußerte, er wolle Betriebswirtschaft studieren, worauf ihm Laemmle sagte: „Es gibt keinen besseren Ort als Amerika, uni was vorn Geschäft zu lernen. Da hab ichs gelernt — nicht an einer Universität.“

Ende der zwanziger Jahre, auf dem Höhepunkt seines Erfolges, steht auch die Frage einer Biographie zur Debatte. Kohner fragt Ende 1928 an, ob Laemmle ein Autor namens Biro genehm wäre, was dieser aber ablehnt, da die Geschichte erstens in Amerika nun einem sehr bekannten Autor mit nationaler oder internationaler Reputation zu schreiben wäre und er außerdem hierfür ein Jahr seiner Freizeit opfern müßte. Bekanntlich erhält dann der damals sehr bekannte englische Schriftsteller John Drinkwater (1882—1937) diesen Auf trag, und 1931 erscheint The Life and Adventures of Carl Laemmle.

In Laemmles Nachlaß findet sich eine Einladungskarte für den 30. August 1929: die württembergische Staatsregierung und die Stadt Friedrichshafen „beehren sich, den Herrn Präsidenten Laemmle zur Begrüßung des Lutfschiffes ‚Gral Zeppelin‘ hei seiner Ankunft und zu einem aus diesem Anlaß statt  findenden Frühstück ergehenst einzuladen.“ Laemmles offenbares Interesse an Luftfahrttechnik erhellt auch aus einem Film aus der Laemmle-Collcction, wo der Flugpionier Baron Koenig von Warthausen auf dem Universal-Gelände landet und empfangen wird — ein sicher für unsere Region interessantes Ereignis.

Was Laemmles Kontakte mit bedeutenden deutschen Zeitgenossen betrifft, so seien halt Thomas Mann und Albert Einstein herausgegriffen. Von beiden konnte das Stadtarchiv hei den erwähnten Auktionen Briefe an Laemmle erwerben, und zwar hatten sich beide an ihn mit der Bitte um Unterstützung für Bekannte gewandt — offensichtlich war seine Hilfsbereitschaft bekannt. Einstein schreibt am 1. Juni 1931 einen Empfehlungsbrief für einen Dirigenten namens Walter Kaufmann; Mann, mindestens seit 1934 mit Laemmle in Kontakt, wie aus seinen Tagebüchern hervorgeht, bittet am 23. November 1937, sich für einen Regieassistenten Sergej Eisensteins zu verwenden.

Frederick Kohner berichtet in seinem Buch über Einsteins ersten Besuch in den Universal-Studios, offenbar 1930. Auf die von Paul Kohner übermittelte Einladung Laemmles äußerte Einstein, er denke nicht im Tod daran, ein Studio zu betreten. Filme, versicherte er, seien nichts als eine schlechte Angewohnheit, die das Jahrhundert verdorben habe — ein Ausbruch fragwürdigen Geschmacks und Kitschs. Bei Einsteins Violinvortrag nach dem Dinner erwähnte Kohner, wie wunder- voll es wäre, ein derartiges Ereignis durch die neue Tonfilmtechnik zu verewigen; Laemmle würde es als Ehre für sein Studio betrachten, einen kurzen Film über ein Violinkonzert von Einstein zu drehen. Wegen seiner Bescheidenheit war dieser hier nun nicht beeindruckt, aber er erklärte sich zu einem Besuch des Studios bereit. Seine einzige Bedingung: Laemmle mußte sein Wort geben, daß keine Fotos gemacht würden. Laemmle stimmte zu „wir werden kein einziges Photo von Einstein machen“. An den Haupttoren der Studios, die mit der Flagge der Weimarer Republik dekoriert waren, stand die Universal-Polizei in Habachtstellung, und Laemmle half seinen Gästen aus dem Wagen. Nach dem Essen wurde Einstein zur ersten Vorführung des gerade fertiggestellten Films „Im Westen nichts Neues“ gebeten. Einstein schien fasziniert zu sein und beachtete auch, als die Beleuchtung wieder anging, die Hollywoodprominenz um ihn her nicht. Ein blondes Mädchen küßte Einsteins Hand; er fragte Laemmle, wer das gewesen sei, und dieser war höchst verlegen, da er es nicht fassen konnte, daß jemand eines der meistveröffentlichten Gesichter nicht kannte: „das war Mary Pickford, Herr Professor“ .„Wer ist das?“, fragte Einstein. Zum Abschied bemerkte Einstein, er habe es besonders geschätzt, daß sein Wunsch, nicht fotografiert zu werden, respektiert worden sei. Laemmle antwortete ehrerbibig, und seine Augen zwinkerten hinter den dicken Brillengläsern: „Ich habe versprochen, daß nicht ein einziges Photo von Ihnen gemacht würde, und ich habe mein Wort gehalten“ — vom Filmen war ja nicht die Rede gewesen. Zu der Laemmle-Collection der UCLA gehört auch ein kurzer Film mit Einstein, wobei aber nicht ganz deutlich wird, wo er aufgenommen wurde.

Von Thomas Mann, der auf unserem Foto mit Laemmle 1938 zu sehen ist, findet sich die erste Tagebucheintragung unter dem 21. August 1934, also mehr als ein Jahr nach Manns Emigration. Er notiert:,,., ins Buch auch, zum Tee mit dem Film Magnaren Lemmle und seinem Srabe von amerikanisch-deutschen Mitarbeitern. Photogr. Aufnahmen im Garten, Interview über den amerikanischen Film ... Erörterung über den Joseph-Film, in den man, wie L. meinte, eine Million Dollars vorstrecken müsse.“ Es ging um das Projekt einer Verfilmung seines Romans „Josef und seine Brüder“. Laut Kommenrar interessierte sich Laemmle seit längerem für die Verfilmung von Manns Romanen, insbesondere des Josef. Etwa zwei Jahre später, am 2. Juli 1936, trifft er am gleichen Ort wieder „mit dem alten Lämmle, seinem Sohn, Herrn Marx“ zu sammen — „Verfilmungsaussichten“, im Oktober des gleichen Jahres macht ihm Laemmle junior offenbar ein Angebot. Die nächste Erwähnung von „old Lemmle“ findet sich am 3. April 1938, als Mann bereits in Beverly Hills weilt, die nächste am 10. April, als er bei Laemmle eingeladen ist:

„Schöne Besitzung ... Neben dem Alten.“ Hier ist das abgebildete Foto entstanden. Auch in Laemmles privatem Filmtheater genießt er eine Vorführung. Die letzte Eintragung und damit die vermutlich letzte Begegnung findet wieder in der Schweiz statt, und zwar am 24. Juli 1938 in Küßnacht.

Laemmle hatte übrigens auch nach dem Verkauf der Universal und trotz seines Alters das Interesse für das Filmgeschäft keineswegs verloren und sich auch nicht völlig zurückgezogen: erstaunlicher weise noch am 24. Juli 1939, zwei Monate vor seinem Tod, geht Koliner in einem Brief auf gemeinsame Projekte, eventuell auch zusammen mit Laemmles Schwiegersohn Bergerman, ein.

Einen entscheidenden Wendepunkt in Laemmles Verhältnis zu Deutschland stellen sicher die Ereignisse im Zusammenhang mit der Verfilmung von Remarques „Im Westen nichts Neues“ dar. Das Jahrbuch der Remarque-Gesellschaft hat zu den politischen Ereignissen um die Berliner Uraufführung Anfang Dezember 1930 und zum Verbot ausführliche Untersuchungen vorgelegt. Weniger bekannt sind Pressestimmen und Materialien der Deutschen Universal, die hier veröffentlicht wer den sollen. Die Auseinandersetzungen um diesen Film bedingen auch, daß nun, also noch vor 1933, Laemmles Deutschlandbesuche enden. Einen Aus schnitt aus dem „Völkischen Beobachter“ mit einem besonders üblen Angriff auf sich hat Laemmle aufbewahrt — er findet sich in seinem Nachlaß.

Zunächst eine Pressemitteilung der Deutschen Universal, die die Aussageabsicht des Films zusammenfaßt — in einer für einen Werbetext sicher ungewöhnlich objektiven, zurückhaltenden Weise:

Heute wissen die Bewohner ganzer Kontinente, was Krieg in seiner furchtbaren Vollendung bedeutet. Was Krieg an Begleiterscheinungen — bis tief in den Frieden hinein — in seinem Gefolge hat, er schüttert die ganze Welt. Was Krieg aber wirklich ist, muss der einzelne Mensch immer wieder selbst durchkosten, wenn das hinter diesem Wort verborgene schreckliche Geschehen Wirklichkeit wird. — Es ist ein Merkmal der Geschichte, dass in allen Stilformen, bis zur Übersteigerung, immer wieder Versuche unternommen wurden, Kriegserlebnisse zu schildern. Gar zu häufig nur sind aus diesen Erlebnisberichten Schilderungen geworden, die, von mannigfachen Tendenzen getrübt, das Grauen heroisieren. Gefärbtes Schrifttum, das Mittel zum Zweck war. — Aber da schrieb Erich Maria Remarque ein Buch, hinter dessen Titel sich das verbirgt, was jeden angeht: die erlebte, lebendige Wahrheit vom Krieg. Vier lakonische Worte — IM WESTEN NICHTS NEUES — erfüllen die traurige Pflicht, allen klar zu machen, dass im „Westen“ wirklich noch al les beim „Alten“ war. Dass verschimmeltes Brot und schale Steckrüben genauso zum täglichen Le ben gehörten wie Granaten und Bomben zum täglichen Sterben. — Und nach dieser einmaligen Vorlage entstand ein Film, der dem Buch gerecht wird. All das, was in Worten kaum, oder gar nicht zu fassen war, wurde von Regisseuer Lewis Milestone ins Optische übertragen. In einer die damals gebräuchlichen Aufnahmemethoden revolutionierenden Manier wurde ein Film fotografiert, der ganz von optischen Eindrücken beherrscht wird, und in dessen Ablauf der Remarquesche Dialog sparsam ein gewoben ist. Das ergibt Realismus, wie man ihn selten auf einer Kinoleinwand zu sehen bekommt. Der Akademiepreis — Oscar — war die Anerkennung, die dem avantgardistischen Regisseur für sein Werk zuteil wurde. IM WESTEN NICHTS NEUES, einer der wenigen ‚Klassiker unter den Filmen, wird seine Daseinsberechtigung nie verlieren. Und dieses ewig Aktuellsein ist nicht nur in der Art der Verfilmung zu suchen, sondern auch in dein auf die Leinwand genannten Stoff. Ist doch noch nie zuvor der Mensch in all seiner seelischen und körperlichen Ohnmacht so eindrucksvoll und nüchtern gezeichnet worden. Wurde doch nie zu vor Mannesangst, Furcht und Sehnsucht, bar jeder doktrinären Grösse angesichts des Todes, so rück haltlos ausgesprochen wie in dem Film IM WE STEN NICHTS NEUES. Und wurde doch noch nie zuvor so eindringlich manifestiert, dass 1 r i e g der Feind der Menschheit ist.“

Die Filmzeitschritten bezogen in der Kontroverse unterschiedlich Stellung: der Kinematograph aus dem Scherl-Vetiag polemisiert gegen das politische Kino, ähnlich der Reichsverband Deutscher Lichtspieltheaterbesitzer: diese „lehnen es ab, Filme zu zeigen, die ihre Theater zum Schauplatz politischer Kämpfe machen. Sie bedauern es außerordentlich, daß der Deutsch-Amerikaner Carl Laemmle 12 Jahre nach Friedensschluß noch einen Kriegsfilm hergestellt hat, der in Berlin nicht in der gleichen Fassung wie in London und Paris laufen kann“. Im Filmkurier erscheint eine positive Kritik. Die Berliner Volkszeitung vom 12. Dezember 1930 titelt die Meldung des Verbots hellsichtig mit der Schlagzeile „Goebbels regiert“; „Diese Republik hat sich selbst aufgegeben.“ „Es war vielleicht ihr Sterbetag ... Die Republik hat diese Bataille verloren nicht durch Verrat, sondern durch die Erbärmlichkeit ... Die Regierung des dritten Reiches rüstet sich zur offizeillen Machtergreifung.“

Das Berliner Tagblatt veröffentlichte am 13. Dezember ein Gespräch mit dem (sozialdemokratischen) preußischen Ministerpräsidenten Braun, der erklärte: „Ich bin jetzt noch, 24 Stunden später, auf das tiefste erschüttert und stehe noch völlig unter dem starken Eindruck dieses Filmwerks. Hier wird gewiß nicht die Gesamtheit der Greuel und Schrecken des Krieges gezeigt. Denn das darzustellen, in all seinen Auswirkungen und Begleiterscheinungen, würde auch dem größten Film- meister nicht gelingen. Aber wir sehen doch einen Teilausschnitt, der in seiner Wahrheit und ungeschminkten Darstellung jeden Zuschauer packt

Nach meiner festen Überzeugung ... habe ich nichts gesehen, was man als Deutscher, der sein Vaterland liebt und sein Ansehen in der Welt verteidigen und mehren möchte, ablehnen muss ... Das Ansehen Deutschlands in der Welt scheint mir beeinträchtigt dadurch, daß dieser Film, der eine einzige, grosse, schwere und berechtigte Anklage gegen den Wahnwitz des modernen Krieges darstellt, und lediglich geeignet ist, einer kriegshetzerischen Agitation Abbruch zu tun, in Deutschland nicht mehr gezeigt werden darf. Ein Volk, das die Wahrheit nicht mehr verträgt, gibt sich selbst auf.“

Wir schließen diese kleine Auswahl aus den im Frankfurter Institut für Filmkunde archivierten Materialien zu „Im Westen nichts Neues“ mit einem Ausschnitt aus den Nachrichtenblättern der Deutschen Universal vom 12. Dezember 1930, in dem Laemmle zu Wort kommt. Er habe zum Aus druck bringen wollen, „dass er in dieser schwierigen Situation, die zwar nicht durch den Film aber doch aus Anlaß seiner Aufführung entstanden sei, unbedingt alles tun wolle, um, was an ihm liege, in Deutschland eine Verschärfung dieser Schwierigkeiten aus dem Wege zu räumen. Der Kampf um die Freigabe des Films sei für ihn und die amerikanische Firma jetzt nur ein Kampf um die Weltanschauung und um das Recht. Und gerade deshalb werde ohne Rücksicht um den Ausgang des Streites die materielle Ausnutzungties Films in Deutsch land unterbleiben. — Im Zusammenhang hiermit brachte der Vertreter der Universal ein Kabelgramm von Laemmle zur Verlesung ‚ in dem er seinen Werdegang, seine Treue zum alten Vaterland und die Beweggründe für die Herstellung des Films zum Ausdruck bringt. Laemmle hat Wert darauf gelegt, dass angesichts der Verunglimpfung, die ihm persönlich hei dieser Gelegenheit widerfahren sei, der Filmoberprüfstelle seine Äußerungen zu dieser Sache vorgetragen werden. — In diesem Kabel gibt Laemmle eine Schilderung seiner Beziehungen zu Deutschland und er legt dar, er habe sich lediglich von dem Gedanken leiten lassen, dass das Remarquesche Buch in Amerika einen ungeheuren Umschwung der Stimmung des amerikanischen Volkes zu Gunsten Deutschlands herbeigeführt hatte. In dem guten Glauben, hier in Deutschland weiter helfen zu wollen, und die Wirkung des Buches um ein Vielfaches zu vertiefen, entstand die Absicht, das Buch in Filmform zu übertragen. Dass der Film auf keinen Fall anti- deutsch ist, geht auch daraus hervor, daß die Akademie der Kunst und Wissenschaft in Amerika dem Film die Medaille als dem besten Film des Jahres zuerkannt hat. Die Akademic dokumentiert damit nicht allein die künstlerische Qualität des Films, sondern sie beweist auch, dass er keinerlei Elemente enthält, die g sind, irgendwelche Personen oder gar ganze Völker, bzw. ihr Ansehen zu gefährden“.

Der oben bereits erwähnte Kinematograph veröffentlicht 1931 zu Laemmles fünfundzwanzigstem Geschäftsjubiläum einen insgesamt wenig freundlichen Gratulationsartikel, der sicherlich bezeichnend ist für die Haltung großer Teile der Meinungswacher im Filmgeschäft, die sich als Vertreter der „deutschen Einstellung“ bezeichnen, und der zeigt, wie die Auseinandersetzung um den Remarque film weiterwirkte. Nach der ironischen Einleitung Erlassen Sie es uns, die schönen Geschichten hier zu erzählen, von dem kleinen Zehn-Pfennig-Kino, mit dem Sie Ihre Filmkarriere anfingen‘ und dein Lob, das deutsche Geschäft sei ihm „allerhand Investitiunsdollar wert“ gewesen, wird nationalistisch polemisiert: „Aber lieber Carl Laemmle, mit Grammophon aus Laupheim (Anm.: möglicher weise die Aufnahmen synagogaler Musik? allein läßt sich heute in der deutschen Tonfilm-Öffentlichkeit die Liebe zum Deutschtum nicht immer restlos beweisen. Es wird immer wieder hier bei uns behauptet, daß bei denen neben der Liebe auch noch das Wort ‚business steht. Das soll, bitte, kein Vorwurf sein, sondern lediglich eine Feststellung, damit Sie die deutsche Einstellung Ihnen gegenüber besser erkennen. Damit Sie unter anderem auch verstehen, warum sich große, wichtige und ausschlaggebende Teile der deutschen Bevölkerung fast aller Richtungen und aller Stände so scharf und nachdrücklich gegen den Film ‚Im Westen nichts Neues‘ wehrten.“ Laemmle habe sich „persönlich und den Prestige der Universal-Film durch diesen überflüssigen Film bei all denen, die Sie nicht genau kennen und die nicht die Person von der Sache zu unterscheiden wissen“ — immerhin noch eine wohlwollende Unterscheidung — „enorm geschadet“. Dennoch wird auch der Bewunderung für die „Energie, den Wagemut und den Fleiß, mit dem Sie Ihr glückhaft Lebensschiff, Ihr Showbnat‘ gesteuert haben“, Ausdruck gegeben, und die Gratulation schließt dann einigermaßen versöhnlich: „Wir hofflen, Sie noch recht lange an der Spitze Ihres wundervollen Unternehmens zu sehen.“

Die „Deutsche Universal Film-Aktiengesellschaft“ wurde (nach dem Jahrbuch des deutschen Films) am 21. oktober 1929 mit einem Aktienkapital von 2 Mio. RM gegründet. In ihr gingen einige Vorgängerfirmen auf. Eines der beiden Vorstandsmitglieder war Max Friedland. Die Bilanz hatte ein

Volumen von ca. 3,5 Mio. RM; es sank 1931 auf knapp unter 3 Mio. 1930 und 1931 war die Universät mit neun amerikanischen Filmen der größte Verleiher ausländischer Filme in Deutschland. Ein wichtiger Grund für die Gründung von Tochterunternehmen in Deutschland mit eigener Filmproduktion war, nationale Beschränkungen für den Import abzumildern. Das amerikanische Mutterunternehmen hatte im gleichen Zeitraum ein Bilanzvolumen von ca. 18 Mio. $‚ das aber — und hier zeigte die Rezession ebenfalls deutliche Sparen — 1931 auf 15 Mio. zurückging. Im Sommer 1932 wird Max Friedland Generalmanager der Deutschen Universal und zugleich Bevollmächtigter Laemmles für den europäischen Markt; mit einem neuen Programm sollen die Aktivitäten in Deutsch land verstärkt werden; aber ein Jahr später hat Friedland Deutschland bereits verlassen.

Von den Produktionen der Deutschen Universal aus dem Jahr 1932/33 sei hier „SOS Eisberg“ kurz erwähnt. Die Regie hatte ein Pionier des Berg- und Naturspielfilms, Arnold Fanck. Zwei deutsche Wissenschaftler durften die Gelegenheit zu Forschungen benutzen und die Filmexpedition begleiten. In ihm wirkten bemerkenswerterweise Leni Riefenstahl als Hauptdarstellerin—die über die Dreharbeiten in einem Bildband von 1934 berichtete —. und der Flieger Ernst Udet mit. Eine dreißigköpfige Grönlandexpedition, erstmals nicht für wissenschaftliche Zwecke, erhielt hierfür die Dreherlaubnis. In den erhaltenen Briefen an seinen genau rapportierenden Produktionsleiter Kohner in Berlin nimmt Laemmle regen Anteil an der Herstellung: er beklagt sich über Kosten der Expedition für Wein und Zigarren und daß die Aufnahme eines berstenden Eisbergs nicht gelungen war, und er schreibt, er denke Tag und Nacht an die Expedition und die Gefahren. Gegen Ende der Aufnahmen be klagt er, daß man für die bislang ausgegebenen 200 000 $ nur Landschaftsaufnahmen ohne wirkliche Story habe und daß alle im Studio in Los Angeles ihn vor diesem Projekt gewarnt hätten. Die end gültigen Kosten lagen dann bei 300 000 $.

1932 erscheint auch eine interessante Meldung einer englischen Zeitung: Laemmle interessiere sich für die Möglichkeiten des Fernsehens, und er wolle im Rahmen eines geplanten Europaaufenthalts eine von einem Deutschen entwickelte Erfindung, Filme drahtlos für den Hausgebrauch zu übertragen, besichtigen. Der Artikel fragt, ob nun die Zeit komme, da man sich einfach in eine Kinovorführung einblenden könne wie in ein drahtloses Funkprogramm; aber niemand wisse genau, wie das Fernsehen in die Kinowelt eindringe, doch scheine die allgemeine Stimmung zu sein, daß dies kommen werde — in der Tat eine zutreffende Prognose. In Deutschland hatten bekanntlich seit Ende der zwanziger Jahre Loewe und von Ardenne die technischen Voraussetzungen des Fernsehens entwickelt. Es zeugt von Laemmles geschäftlicher Weitsicht, die Chancen dieses neuen Mediums erkannt zu haben, und es wäre natürlich interessant, in diesbezügliche Dokumente der Universal Ein sicht nehmen zu können.

In dieses Jahr 1932 fällt noch eine bemerkenswerte Aktivität Laemmles, die bislang nicht gewürdigt worden ist. Fr gründete zusammen mit dem Vertreter des deutschen Olympiade-Ausschusses in Amerika, dem deutschen Konsul in Los Angeles, ein Komitee, denn im Sornnier sollten in Los Angeles die Olympischen Spiele stattfinden. Der zufällig erhaltene Brief an seinen Freund und Anwalt Loeb (Stanley Bergerman hat ihn Laupheim geschenkt) führt dies näher aus. Er macht Loeb darauf aufmerksam, daß die deutsche Regierung die Jünsten für die Teilnahme der deutschen Sportler nicht tragen könne und deren Teilnahme nur durch Unterstützung von Amerika aus möglich sei; daher falle ein Großteil der Last auf die in Deutschland Geborenen der diejenigen mit Sympathien für Deutschland. Als Gesamtkosten für Reise und Auf enthalt veranschlagt er 40000 $. Laemmle selbst beteiligt sich gleich mit 2500 $. In einem zweiten erhaltenen Brief an Loch, der 50 $ stiftet, beklagt sich Laemmle, daß es angesichts der abnormalen Umstände schwer gewesen sei, die erwarteten großzügigen Reaktionen zu bekommen; aber viele seiner guten Freunde hätten ihren Möglichkeiten entsprechend dazu beigetragen. Sogar sein Briefpapier schmückt Laemmle mit dem Emblem der Olympiade. Bemerkenswert für den Dank Deutschlands ist, daß in dem offiziellen Olympia-Buch, das später in Deutschland erscheint, zwar die amerikanische Unterstützung insgesamt erwähnt, Laemmle aber als der wichtige Fromotor verschwiegen wird.

Das Jahr 1933 bringt dann den entscheidenden Einschnitt. Sichtbares Zeichen in Laupheim ist die auf einstimmigem Gemeinderatsbeschluß vom 13. Juni erfolgte Umbenennung der Lämmle-Straße in „Schlageter-Straße“; der Vorsitzende — eben der selbe Ortsschultheiß Konrad, der uns in Lämmles Handschriftensammlung begegnet — „regt“ diese Umbenennung „an“, „da die politische Entwicklung der letzten Monate dies notwendig erscheinen lasse“. Das alte Straßenschild hat sich noch erhalten und wird künftig im Museum zu sehen sein. Wie tief Laemmle dieser Akt der Undankbarkeit trifft, zeigt seine (Herr Gabler zitierte) Äußerung gegenüber seinem Mitarbeiter Ross: „Ich habe hier al les für meine kleine Stadt getan, und jetzt heißt es nicht mehr ‚Lämmnle-Straße‘.“ Daß dieses quasi symbolische Faktum sogar noch auf Laemmle junior gewirkt hat, zeigt ein Zeitungsausschnitt aus dem Jahr 1942, also neun Jahre später, den Paul Kohner aufbewahrt hat: Junior, mittlerweile in militärischer Ausbildung, gesteht dem Journalisten, sein Ehrgeiz sei es, bei der Truppe zu sein, wenn sie in Laupheim einmarschiere, und er bäte dann um das einzige Vorrecht, nämlich persönlich das Schild der Hitlerstraße herunterreißen zu dürfen (die er irrtümlich für die ehemalige Lämmle-Straße hielt); sein Vater sei über ein Jahrzehtlang der Hauptwohltäter der Stadt gewesen.

Laemmle gab — so Frederick Kohner — unmittelbar nach dem Judenboykott vom 1. April 1933 die Weisung, die Filmproduktion in Berlin einzustellen. Nachfolger der Universal wurde eine Firma namens Rota-Film, wobei die Modalitäten des Übergangs allerdings noch der Klärung bedürfen. 1934 wurden die Verleihe der Hollywood-Studios in Deutschland geschlossen.

Daß die Filmbranche ein besonders geeignetes Objekt für den Kampf gegen die Juden gleich nach der Machtergreifung war, folgt zum einen aus der zutreffenden Einschätzung der Propagandamöglichkeiten des Kinos, zum andern aus dem Gewicht der Juden in dieser Branche. Ein Zeitungsartikel etwa, den Wulf zitiert, versuchte diese angebliche „Mißwirtschaft“ mit folgenden Zahlen zu belegen:

„70 Prozent der Produktionsfirmen standen unter rassisch fremder Leitung, gegen 85 Prozent aller Filme wurden von nichtdeutschen Firmen hergestellt, 80 Prozent der Verleihfirmen waren in nicht arischem Besitz, an 90 Prozent aller Spielfilme wurden von diesen ortsfremden Firmen auf den Markt gebracht.“

Bereits vor dem Erlaß des Reichskulturkammer gesetzes im September 1933 richteten die Nationalsozialisten im Juli 1933 eine vorläufige Filmkammer ein; sie wurde der Kulturkammer ab Februar 1934 eingefügt mit einem „Reichsfilmdramaturgen“ an der Spitze. Auch wenn sich Hitler 1933 gleich viermal an dem von der deutschen Universal produzierten Andreas-Hofer-Film „Der Rebell“ mit Trenker in der Hauptrolle ergötzt hatte, so wird gleichzeitig im Filmkurier dekretiert: „Fs wird als unpatriotisch, ja sogar als Landesverrat angesehen, wenn jetzt inmitten der großen Aufbauarbeit am deutschen Film deutsche Künstler sich mit Filmgesellschaften und Filmschaffenden im Auslande verbinden, die entweder als Nichtarier aus Deutsch land auswanderten oder gegen das neue Deutsch land feindselig eingestellt sind Das betraf natürlich alle großen Hollywood-Gesellschaften und ihre Tochterfirmen. Auch für vor 1936 entstandene Filme mit „nichtarischen Schauspielern“, insbesondere wenn sie emigriert waren, besteht seit Juni 1935 ein Verleih — und Ausfuhrverbot. Das „Lichtspielgesetz“ vom Februar 1934 bereits siebt eine „Vorprüfung“ aller Drehprojekte vor. Alle vor 1933 entstandene Filme müssen ab 1935 eine „Nachzensur“ durchlaufen. Auch Filme mit „nichtarischen Darstellern“ durften generell nicht importiert wer den, und „nichtarische Staatsangehörige“ konnten sich seit 1935 nicht mehr in der deutschen Filmindustrie betätigen; im August dieses Jahres wurden sie zwangsweise im „Reichsverband jüdischer Kulturbünde“ zusammengefaßt. Natürlich hat man auch schon zu Zeiten der Weimarer Republik mit antisemitischer Propaganda gegen die jüdische Filmindustrie Hollywoods und gegen Laemmle als Person polemisiert. Die Korrespondenz mit Kohner zeigt, daß Laemmle sehr mißtrauisch war, was Trenkers Verhältnis gegenüber den Nationalsozialisten betraf — oh zu Recht, sei dahingestellt.

Für Laemmles großes Interesse an den Freignissen in Deutschland spricht auch, daß er noch während seiner bis 1936 währenden Präsidentschaft der Universal einen in Deutschland geborenen Public-Relation-Spezialisten, der bereits für den späteren General Marshall eine Untersuchung über die Nationalsozialisten organisiert hatte, im Studio einstellte: Joseph Ross. Laemmles im vergangenen Jahr verstorbener Neffe Walther erinnerte sich, daß in den Briefen des Onkels seit 1933 immer wieder die Aufforderung stand, das Antiquitätengeschäft zu verkaufen und Deutschland zu verlassen, was die Familie erst im September 1938 tat. Nicht nur Laemmles enge Kontakte mit prominenten Emigranten machen es sehr wahrscheinlich, daß er über die Vorgänge in Deutschland gut informiert war. Auch die erhaltene Korrespondenz zur Affidavitgewährung, die übrigens durch den Kühner-Nachlaß noch ergänzt wird, wo eine Reihe von Briefen erhalten ist, iu denen Laemmle Emigranten beim Aufbau einer neuen beruflichen Existenz. zu unterstützen versucht, belegt dies vor allem für die Jahre ab 1936. Dieses bereits bearbeitete Kapitel seiner Biographie ist dann gleichzeitig das letzte seiner Beziehung zu Deutschland. Aus diesem Jahr selbst hat sich zufällig im Nachlaß von Loeb ein Brief Laemmles erhalten, der zeigt, daß er bewußt auch auf andere Informationsquellen zur Situation in Deutschland zurückgriff: er macht hier Loch darauf aufmerksam, daß er schon lange Abonnent der Jewis Telegraphic Agency sei, die Laemmles lebenslange Verbundenheit mit der deutschen Kultur noch nach den für ihn auch persönlich bitteren Ereignissen ab 1933 enthüllt indirekt in einer beinahe rührenden Weise ein Foto, das die letzte Wirtin des „Ochsen“ in Laupheim, die anfangs erwähnte Sophie Noerdlinger, Ernst Schäll geschenkt hat: Laemmle 1938 an dem letzten Weihnachten, das er erlebte, mit seinen Enkelkindern vor dem geschmückten Weihnachtshaum. Das folgende von Heinz Berggruen zitierte Wort eines befreundeten Emigranten gilt sicher auch für dieje nigen deutschen Juden, denen es wie Laetrtmle nach 1 933 nicht mehr möglich war, in das Land und an der Ort ihrer Geburt zurückzukehren, der ihnen so viel bedeutete: Man kann einen Menschen aus der Heimat vertreiben, aber nicht die Heimat aus dem Menschen.“ Zu den Nachwirkungen der, gründlichen Vertreibung aus der Hei gehörte auch, daß sich in Laupheim 1967 — übrigens zum Erstaunen einer überregionalen Tageszeitung — niemand an Laemmles 100. Geburtstag erinnerte.

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