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Biberach und Laupheim: 

Das Lager Lindele 

und der jüdische Friedhof 

im Zweiten Weltkrieg 

und in der Nachkriegszeit

 

Von Reinhold Adler, Fischbach

Zwischen Biberach und Laupheim gibt es nicht allzu viele Schnittstellen gemeinsamer Geschichte. Doch eine davon ist das Lager Lindele in Biberach.

Welche Verbindungen bestanden während des Zweiten Weltkrieges und unmittelbar danach zwischen diesem Ort und dem Laupheimer jüdischer Friedhof? Ich gliedere meinen Vortrag in folgende Abschnitte:

1. Die Entstehung und die Nutzung des Lagers Lindele während des Zweiten Weltkriegs.

2. Die Lebensbedingungen in diesem Lager.

3. Wer war für das Lager verantwortlich und welche Absicht lag letztlich hinter der Nutzung dieses Lagers als Internierungslager gegen Ende des Krieges?

4. Das Schicksal einiger Lagerinsassen und ihr Zusammenhang mit dem Laupheimer jüdischen Friedhof.

Und wenn dann noch Zeit bleibt, würde ich Ihnen gerne berichten, was ich über die heute auf dem Jüdischer Friedhof in Laupheim beerdigten Opfer des Lagers Lindele herausgefunden habe.

Das Lager Lindele befand sich dort, wo heute in Biberach die Bereitschaftspolizei ist, nämlich auf einer Anhöhe nordwestlich von Biberach an der Straße nach Birkenhard bzw. Munderkingen. Heute ein großes Areal in unmittelbarer Nähe zur Wohnbebauung Biberachs gelegen. So modern sah die Anlage aber nicht aus, als sie in den 1950er-Jahren von der Bereitschaftspolizei bezogen wurde.

Bis weit in die 1970-Jahre hinein standen den  Bereitschaftspolizisten noch jene aus dem Zweiten Weltkrieg stammenden Baracken zur Verfügung und die Verwaltung war in dem charakteristischen Hauptgebäude mit dem Uhrentürmchen in der Mitte untergebracht, an das sich alle einstigen Lagerinsassen bis heute besonders gut erinnern können. 

 

 Lager Lindele während des Zweiten Weltkrieges

Während des Zweiten Weltkrieges war dieses Lager eine völlig isolierte Barackenanlage, ohne jegliches Grün auf den Lagergelände und dazu weit entfernt von jeder städtischen Bebauung, umgeben von Feldern und Wiesen und am Horizont der dunkle Tannenwald, von den Lagerinsassen häufig „Black Forest“ genannt. Gegen Süden lag ein mit Linden bepflanzter Moränenhügel, der Biberacher Spazierberg und Aussichtsbuckel, Lindele genannt, der in Biberach dem Lager den Namen gab.

 

Entstehung und Nutzung des Lagers:

Der Anfang dieses Lagers liegt im Jahre 1939. Wenige Monate vor Kriegsbeginn, im Juni 1939 wurde Biberach Garnison. Das Lager Lindele war also zunächst einfach eine Kaserne für ein aus Weinsberg verlegtes Ergänzungsbataillon des Infanterie-Regiments 56, vielleicht sogar für den einen oder anderen jungen Mann aus Laupheim.

Anfang September, also mit Kriegsbeginn, rückten die deutschen Soldaten zur Enttäuschung der Stadt Biberach allesamt ab. Das Lager stand weitgehend leer, bis im August 1940 die ersten Kriegsgefangenen einrückten: Britische Offiziere, die in der Gegend um Dünkirchen oder später auch bei den Kämpfen in Griechenland in deutsche Hände gefallen waren. Bewacht wurde nun das Lager von der Wehrmachtseinheit Oflag (= Offizierslager) VB. Der Buchstabe B weist darauf hin, dass es sich bei dem Lager in Biberach um das zweite Lager dieser Art im Wehrkreis V Stuttgart handelte.

 

Britische Offiziere im Lager Lindele

Kurz bevor diese britischen Offiziere im Oktober 1941 in andere Lager verlegt wurden, wagten 26 von ihnen eine spektakuläre Flucht, die später Gegenstand mehrerer Filme wurde, am bekanntesten „Die gesprengten Ketten“ mit Steve McQueen. Die Offiziere gruben einen über 40m langen Tunnel unter der Ofenplatte in ihrer Baracke unmittelbar in der Nähe des Stacheldrahtzauns. Von den 26 gelang es immerhin vier, die schweizerische Grenze in der Gegend von Schaffhausen zu erreichen und über Frankreich, Spanien und Gibraltar nach England zurückzukehren. Das war nicht nur der erste derartige Ausbruch, es blieb auch während des ganzen Krieges der erfolgreichste.

Was sich dann ab November 1941 im Lager Lindele abspielte, zählt ohne Zweifel zu den dunkelsten Kapiteln in der Geschichte dieses Lagers. In mehreren Transporten wurden schätzungsweise 500 bis 600 völlig erschöpfte, dem Hungertod nahe sowjetische Kriegsgefangene vom Bahnhof Biberach auf Nebenstraßen von einer ziemlich rabiaten Wachmannschaft aus dem Mannschaftsstammlager Ludwigsburg hinauf ins Lager getrieben. In den ersten Wochen nach ihrer Ankunft starben 146 dieser Kriegsgefangenen. Das Lager Lindele wurde bis Februar 1942 ein Schattenlager. Das heißt nicht, dass die Insassen ein schattenähnliches Dasein lebten, was durchaus der Realität entsprechen würde. Es heißt einfach, dass es in Biberach keine eigenständige Wacheinheit gab und dass das Lager praktisch von Ludwigsburg aus verwaltet wurde. Wohin man die sowjetischen Soldaten im Februar 1945 brachte, ist unbekannt. Vermutlich kamen sie in der Landwirtschaft und der Industrie zum Arbeitseinsatz.

Als Erinnerung an diese schlimme Zeit im Lager Lindele blieb Biberach allerdings ein Friedhof an der Memminger Straße: Der so genannte Russenfriedhof, obwohl natürlich nicht nur Russen, sondern Angehörige aller Völkerschaften des damaligen Sowjetreiches unter den hier Bestatteten waren. Der Friedhof wurde von der französischen Besatzungsmacht nach dem Krieg angelegt. Hier fanden die Gebeine von sowjetischen Kriegsgefangenen, von Zwangsarbeitern und Zwangsarbeiterinnen sowie von etwa 70 Kindern die letzte Ruhestätte, die während des Krieges auf Gemeinde- oder Kirchenfriedhöfen in den Ortschaften der südlichen französischen Zone beerdigt worden waren, also von Blumberg in der Baar bis Erolzheim und von Laupheim bis Isny.

Auf diesem Friedhof wurden auch auf Anordnung der Franzosen achtzehn in Laupheim verstorbene Zwangsarbeiter umgebettet, wie man aus der offiziellen Kriegsgräberliste entnehmen kann. Ganz unten steht übrigens ein Name, den ich von einer Frau Pfender in Laupheim erfahren konnte, die als Mädchen aus der Ukraine zur Zwangsarbeit auf einen Hof in Westerflach verschleppt wurde und miterleben musste, wie im Oktober 1943 unter Beisein aller Zwangsarbeiter der Laupheimer Gegend im Wald zwischen Niederkirch und Rißtissen der Ukrainer Dimitrij Siwidow von einem Sondergericht der Gestapo aus Stuttgart gehenkt wurde, weil er mit einem NS-Funktionär in Obersulmetingen Streit bekommen hatte.

Zwischen März und September 1942 befanden sich dann vor allem serbo-kroatische Offiziere im Lager Lindele, von denen während eines Fußballspiels auf dem Appellplatz über 40 durch ein Loch im Zaun das Weite suchten. Aber alle wurden wieder geschnappt, einer soll bei Aulendorf allerdings erschossen worden sein.

Als Ende September 1942 von Bahnhof aus in das weitgehend leer stehende Lager allerdings keine Soldaten mehr verfrachtet wurden, sondern ältere Männer, Frauen und eine ganze Schar von Kindern - offensichtlich ganze Familien -  fiel das manchen Biberachern doch unangenehm auf. „Ja, was ist denn da los“, hieß es und mancher Zuschauer fragte sich zu Recht: „Führen wir jetzt Krieg gegen Frauen und Kinder?“ Das Lager Lindele in Biberach wurde von der Wehrmacht zum Zivilinternierungslager Ilag VB umgewandelt. Aber schon im Dezember 1942 lehnte die Wehrmacht es ab, Frauen und Kinder zu bewachen, die im Gegensatz zu Kriegsgefangenen an militärisches Reglement überhaupt nicht gewöhnt waren. Die Bewachung des Lagers wurde der Schutzpolizei übergeben und die deutschen Soldaten zogen ab. Man brauchte sie damals dringend anderswo. 

 Registrierung britischer Zivilinternierter

Woher kamen diese Zivilisten und um was für Leute handelte es sich denn? Es handelte sich um britische Staatsangehörige und ihre einheimischen Familienangehörigen von den britischen Kanalinseln Jersey, Guernsey und Sark, - diese liegen vor der Küste der Normandie - die von der Wehrmacht besetzt worden waren. Aufgrund eines Befehls Hitlers sollten diese Inseln als Teil des Atlantikwalls zur „uneinnehmbaren Festung“ ausgebaut wurden. Ein Heer von KZ-Häftlingen und sonstigen Zwangsarbeitern wurde auf die Inseln verfrachtet, um Bunker zu bauen, die dort noch heute die Gegend verschandeln. 

 Karte Kanalinseln.bmp

Im Gegenzug deportierte man rund 2000 dort wohnende Zivilisten mit britischen Pässen und ihre einheimischen Familienangehörigen. Im Grunde entfernte die Wehrmacht alle, die der Truppe nicht unmittelbar von Nutzen sein konnten oder im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie „nicht vertrauenswürdig“ genug waren. Also pensionierte britische Offiziere und Beamte, die ihren Lebensabend auf den fast steuerfreien Inseln verbringen wollten; Menschen, die sich irgendwie gegen die Besatzungsmacht gewandt hatten und auch Kommunisten, Freimaurer und Juden mit britischen Pässen. Nach Biberach kamen rund 900 Personen überwiegend von Guernsey, weshalb heute zwischen dieser Insel und der Stadt Biberach partnerschaftlichen Beziehungen bestehen. Die Leute aus Jersey wurden im Schloss in Wurzach untergebracht und alle jungen Männer landeten im Schloss von Laufen bei Salzburg

 

Das Leben in einem deutschen Internierungslager?

Im August 1943, nachdem sich die Anfangsschwierigkeiten gelegt hatten, feierten die Internierten „Carnival“, ein britisches Sommerfest. Die Biberacher, die dies mitbekamen, meinten, die Briten würden Fasnet im August feiern. Die Lagerinsassen verkleideten sich, machten einen Umzug, man tanzte und für Kinder und Erwachsene gab es eine Vielzahl unterhaltsamer Aktivitäten. Aber so unterhaltsam ging es in der Regel nicht immer zu. Von den negativen Begleiterscheinungen eines Interniertenlebens gibt es natürlich keine Fotos. Fotos, ja sogar ein 16mm-Film von dem britischen Sommerfest im Lager, entstanden mitten im Krieg als Propagandamaterial der Deutschen. Man wollte den Briten zeigen, wie gut man die Zivilisten behandelte. Das Lager Lindele war eine Art Vorzeigelager. Und die Internierten hatten nichts dagegen. Für sie war es eine Demonstration, dass sie sich unterkriegen ließen. Für mein Buch über die Geschichte des Lagers Lindele, das 2002 von der Stadt Biberach herausgegeben wurde, habe ich deshalb bewusst diesen Titel gewählt. Es war eben nicht alles „Karneval im August“. 

 „Carnival“ im August 1943 im Lager Lindele

Ein genauerer Blick auf das Leben in diesem Lager zeigt die Probleme. Unter was litten die Internierten in den über drei Jahren ihres Zeit im Lager Lindele? Zunächst einmal unter der Enge. Bis zu neunzehn Personen in einem Raum. Das Lager war zwar als Familienlager konzipiert, aber Frauen und Männer waren in getrennten Baracken untergebracht. Sie können sich die Probleme des Ehelebens vor allem bei jüngeren Paaren vorstellen. Trotzdem kam es zu 26 Geburten im Lager. Aber es mangelte an Privatsphäre. Ungewohnt war das Klima: Wäsche, die im Winter 1942/43 steif gefroren auf der Leine hing. Das war für Kanalinselbewohner eine Sensation. Und dann die dauernde Kälte, weil Holz und Kohle rationiert wurden. Nachts wurden die Baracken zugeschlossen und draußen patrouillierten die Wachen mit freilaufenden, scharfen Hunden. Eine Internierte schrieb damals in ihr Tagebuch: „Es ist ein Ort voller gehässiger Frauen und boshafter Lästerzungen.“

Versorgt wurden die Internierten allerdings besser als die deutsche Bevölkerung, und zwar durch das Internationale Rote Kreuz. Es kamen Pakete mit Köstlichkeiten aus Indien, Kanada und später Amerika, die man hierzulande überhaupt nicht mehr bekam. Einzelne Internierte erhielten an sie persönlich adressierte „Liebesgaben“, Pakete mit Lebensmitteln und sonstigen Dingen. Alle Pakete kamen in eine besondere Baracke, in der ihr Inhalt aufbewahrt, portioniert und verteilt wurde. Kein Wunder, dass die deutsche Wachmannschaft meinte, der Stacheldrahtzaun um das Lager sei nur deshalb errichtet worden, damit sich die Biberacher nicht über die Lebensmittel hermachen konnten. 

Ein Blick in die Rot-Kreuz-Baracke des Lagers Lindele

 

Wer trug die Verantwortung für das Lager? 

Welche Absicht lag hinter seiner Nutzung als Ilag?

Heinrich Himmler war Reichsführer-SS und damit oberster Chef des Reichssicherheitshauptamts in Berlin und gleichzeitig Reichskommissar für die Festigung des deutschen Volkstums.

Die Wissenschaft hält die Frage, wer die Verantwortung für deutsche Internierungslager trug, noch nicht für völlig geklärt. Vielleicht Himmler – vielleicht aber auch das Auswärtige Amt. Die Wehrmacht stellte im Lager nur noch die Immobilie, die Grundverpflegung und einen Oberzahlmeister als Verantwortlichen. Sonst hatte sie nichts mehr zu melden.

Vertreter des Auswärtigen Amtes besuchten das Lager regelmäßig und pflegten Kontakt zu karitativen Organisation und der Schutzmacht. Verwaltet wurde das Lager aber vom Württembergischen Innenministerium in Stuttgart aus. Das heißt: Die deutschen Bediensteten der Lagerverwaltung wurden als Beschäftigte des Reichs oder des Landes Württemberg über das Landratsamt Biberach bezahlt. Natürlich hatte die Gestapo mit ihren Dienststellen in Berlin und Stuttgart ständig Einblick in das, was im Lager vorging und alle ausgehende und eingehende Post, auch der benachbarten Lager Wurzach und Liebenau bei Tettnang, wurde in Biberach zensiert.

Wenn man die Dokumente der Lagerverwaltung anschaut, beginnt man zu ahnen, warum Himmler als Reichskommissar für die Festigung des deutschen Volkstums für das Lager Biberach zuständig war. Auf den Zivilinternierten-Meldungen, die im Lager auszufüllen waren, wurden nämlich zwei Vermerke angebracht: Austauschwillig und arisch!

Himmler hatte nämlich dafür zu sorgen, dass Auslandsdeutsche „heim ins Reich“ kamen. Zum Beispiel schwäbische Templer aus dem britischen Mandatsgebiet Palästina, deutsche Seeleute der Handelsmarine, die bei Kriegsbeginn in britischen Häfen gestrandet waren oder deutsche Staatsbürger, die von den Briten und Sowjets 1941 beim Einmarsch in Persien festgenommen und nach Australien deportiert worden waren und dort in Internierungslagern festgehalten wurden. Nur „heim ins Reich“, ins bombengefährdete Deutschland, wer wollte das mitten im Krieg? Deshalb behandelte das Reichssicherheitshauptamt (RSHA) die britischen Internierten gewissermaßen als Kriegsgeiseln, die man erst herausgeben wollte, wenn genug Deutsche „heim ins Reich“ gelassen wurden.

Es fällt auf, dass man in Biberach nicht nur feststellte, wer von den britischen Internierten bereit gewesen wäre, sich nach England austauschen zu lassen. Hier wurde auch festgehalten, wer jüdisch war. Denn das RSHA und das Auswärtige Amt, beide mit Austauschfragen befasst, stellten fest, dass die britische Seite bereit war, Auslandsdeutsche in begrenztem Maße gegen Juden auszutauschen, die nach Palästina einreisen durften. Auch die Amerikaner versprachen einer begrenzten Anzahl ganz bestimmter, namentlich bekannter Juden aus den von Deutschen besetzten Gebieten die Aufnahme in den USA. Doch bald stellten RSHA und Auswärtige Amt fest, dass die gewünschten Personen häufig bei den ersten Vernichtungsaktionen nach dem Einmarsch der Wehrmacht in Polen und der Sowjetunion bereits getötet worden waren. Nun verfiel man auf die Idee, statt der Gesuchten andere Juden anzubieten. Nämlich Juden, die sich in die Niederlande geflüchtet hatten oder von Italienern in Nordafrika und in Italien festgehalten worden waren. Auch gab es in den von den Deutschen besetzten Gebieten Juden, die familiäre Kontakte nach Großbritannien oder in die Vereinigten Staaten unterhielten, dort geboren waren oder einen Ehemann hatten, der dort geboren worden war und so weiter. Diese Leute sammelte die SS ab 1943 systematisch in bestimmten Lagern, vor allem in einem Teil des berüchtigten KZ Bergen-Belsen.

 

Das Schicksal von „Austauschjuden“

Ich will Ihnen nun im Weiteren das Schicksal jener Juden aus Bergen-Belsen schildern, die schließlich 1944 und 1945 u.a. auch im Lager Lindele landeten. Mir persönlich sind die Schicksale von drei Familien jüdischer Abstammung bekannt, die in den Jahren 1945 mit dem Lager Lindele sind. Es handelt sich um die Familie von Henry Joshua, der heute in New York lebt; um die Familie von Marietta Duschnitz, verheiratete Moskin, ebenfalls aus New York und um die Familie von Irene Hasenberg-Butter, heute eine pensionierte Professorin der Universität Michigan in Ann Arbor, USA.

Irene Hasenberg stammt aus Berlin. Sie war mit ihren Eltern Gertrude und John Hasenberg sowie ihrem älteren Bruder Werner , wie all die anderen Familien, in den 1930-Jahren in die Niederlande geflohen, wo ihr Vater, dessen Bank arisiert worden war, eine Stelle bei American Express erhielt. Dort wuchsen die Kinder relativ unbeschwert auf und sprachen holländisch. Der entscheidende Einschnitt in Irenes Leben kam für sie völlig unerwartet. Im Mai 1940 marschierte die deutsche Wehrmacht in Holland ein. Nach und nach erlebte sie dort all jene Diskriminierungen, die Juden auch im Reichsgebiet widerfuhren. Bis die Familie 1943 ins KZ Westerbork eingeliefert wurde.

Irene berichtete: „Im Juni 1943 waren wir an der Reihe. Die Nazis sperrten unser ganzes Wohngebiet ab, niemand durfte seine Wohnung verlassen und sie durchsuchten Haus für Haus nach jüdischen Bewohnern. Als sie zu uns kamen, erhielten wir zehn Minuten Zeit, um ein paar Dinge zu packen... An einem sehr heißen Tag trugen wir unsere ‚Habseligkeiten‘ auf dem Rücken und marschierten zu einem großen Platz, dem Sammelplatz für die zu deportierenden Juden. Nachdem wir lange in der Hitze gewartet hatten, wurden wir auf Lastwagen geladen und zum Bahnhof transportiert. Hier wartete ein langer Zug mit Viehwaggons. Wir wurden zusammengepfercht – 60 bis 80 Personen in einen Waggon – und ohne frisches Wasser oder frische Luft für die nächsten acht bis zehn Stunden eingeschlossen. Spät in der Nacht kamen wir in Westerbork an, einem deutschen Konzentrationslager im östlichen Teil Hollands“ – also unweit der deutschen Grenze.

Für alle diese jüdischen Familien wurde Westerbork die erste Auffangstelle. Dieses Lager hat seine eigene Geschichte. Es war zunächst holländisches Auffanglager für jüdische Emigranten aus Deutschland. Dann nutzen die Deutschen das Lager, um darin holländische Juden zu internieren. In der Mitte des Lagers gab es eine Eisenbahnlinie, von der wöchentlich Transporte nach Auschwitz und andere Vernichtungslager im Osten abgingen. Nach dem Krieg wurden dort holländische Nazisympathisanten festgehalten und schließlich war es Aufnahmelager für farbige Soldaten aus den holländischen Kolonien. Heute ist es zwar eine Gedenkstätte, aber vom Lager selbst sieht man nichts mehr.

Dazu schrieb Irene Hasenberg: „Der wöchentlich wiederkehrende Kreislauf des ankommenden und wieder wegfahrenden Zuges, der uns von unseren Leidensgenossen trennte, die wir in den meisten Fällen nie mehr wiedersahen, war eine traumatische Erfahrung meines Lebens in Westerbork.“ Irene Hasenberg erzählte außerdem, dass diese Erfahrung sie so sehr prägte, dass sie noch heute einen tiefen inneren Schmerz empfindet, wenn sie nur irgendwo einen Zug vorbei- oder losfahren sieht. Für alle Zeiten ist ein Zug für sie das Symbol für Trennung und Tod.

Dass diese Familien den Zug nach Auschwitz nicht besteigen mussten, hatte seinen besonderen Grund: Es ist fast nicht zu glauben, aber ein einfaches Papier konnte Leben retten, wie beispielsweise dasjenige der Familie Joshua-Eisemann.

 Rettungspass

Konsulate südamerikanischer Staaten stellten nämlich teilweise unter dubiosen Umständen – manchmal gegen Zahlungen hoher Summen - provisorische Papiere für Juden aus. So genannte „Promesas“, also ein Papier, das dem Inhaber versprach irgend wann einmal in die Staatsbürgerschaft eines südamerikanischen Staates aufgenommen zu werden. Wer solche Papiere besaß, deren Gültigkeit nicht zweifelsfrei war, wurde von der SS nicht in den Osten transportiert. Diese Promesas oder Rettungspässe machten ihre Inhaber zu „Austauschjuden“ – wie es im Nazi-Jargon hieß – die im  „Aufenthaltslager Bergen-Belsen“ in der Nähe von Celle bzw. Hannover zusammengefasst wurden.

Mit der Aussicht, an einem deutsch-amerikanischen Austausch von Zivilisten teilnehmen zu können, bestiegen diese Familien im Februar 1944 einen normalen Personenzug, der sie von Westerbork nach Bergen-Belsen brachte. Und damit begann die schlimmste Etappe ihrer Verfolgungsgeschichte

Irene Hasenberg-Butter erinnert sich: „Im Februar 1944 bestiegen wir einen Zug, der uns von Westerbork nach Bergen-Belsen brachte... Die Tatsache, dass Bergen-Belsen keine Gaskammern besaß, war sicherlich ein Vorteil gegenüber Auschwitz und anderen Vernichtungslagern. Aber obwohl es nicht als Todeslager geplant war, war der Tod das Schicksal der meisten Insassen von Bergen-Belsen wegen der unmenschlichen Bedingungen, die dort herrschten….Die Hygiene war entsetzlich, fortschreitende Überfüllung verursachte Epidemien wie Typhus. Der tägliche Appell, der acht bis zehn Stunden dauern konnte, war eine Tortur, besonders im tiefen Winter. Mein Vater, meine Mutter, mein Bruder und ich teilten uns zwei enge Betten, zwei übereinander – also ein Doppelstockbett. Wir wurden von Läusen geplagt, die Tag und Nacht über unsere Körper krabbelten, ohne irgendeine Möglichkeit, sie los zu werden….Was in meiner Erinnerung die schlimmste Qual bleibt, war der alles überlagernde Hunger, den wir verspürten. Das war nicht der übliche Hunger, den es im alltäglichen Leben gibt, wenn eine Mahlzeit ausgelassen wird oder sich verspätet. Woran ich mich erinnere, ist der immerwährende, Tag für Tag nagende Hunger. Das vorhandene Essen war nie genug und unsere leeren Mägen quälten uns immerzu. Der Gedanke ans Essen beherrschte uns bis in den Schlaf hinein.“

Weiter berichtete Irene Hasenberg-Butter: „Im Januar 1945, elf Monate nach unserer Ankunft in Bergen-Belsen, war es dann soweit. Alle Inhaber von amerikanischen oder südamerikanischen Papieren wurden aufgefordert, sich vom Lagerarzt zur Überprüfung zu melden, um zum Austausch zugelassen zu werden. Meine Mutter hatte seit Wochen das Bett nicht mehr verlassen. Alle dachten, sie würde sterben. Mit 72 Pfund Körpergewicht wog sie etwa so viel wie ich. Am Tag der ärztlichen Untersuchung kam mein Vater völlig verändert und gebrochen von der Arbeit. Er war schrecklich geschlagen worden. Sein gesundheitlicher Zustand hatte sich rapide verschlechtert. Meine Eltern waren viel zu krank, um an der ärztlichen Untersuchung teilzunehmen. Deshalb stellte ich mich mit meinem Bruder zweimal zur Untersuchung an, einmal unter dem Namen unserer Eltern und einmal unter unserem eigenen. Und das Wunder geschah – der Trick klappte. Wir wurden zum Austausch zugelassen.“

Der Zug sollte in die Schweiz fahren, wo man die gleiche Anzahl deutscher Staatsbürger aus den USA austauschen wollte. Im Zug wurden alle gut verpflegt. Man erklärte sie nun zu Internierten. Alle Juden durften den Stern von ihrer Kleidung entfernen. Aber der Zug hielt zweimal, einmal in Biberach und einmal in Ravensburg bzw. Meckenbeuren, der Bahnstation für das Ilag Liebenau. Dort wurden jeweils Internierte mit gültigen Pässen der USA mitgenommen und die gleiche Anzahl Juden aus Bergen-Belsen musste aussteigen.

Mit dem Halt des „Zuges, der in die Freiheit“ fuhr in Biberach verbindet Irene Hasenberg das Bild von einer alten Bahnhofsbank, die bis vor wenigen Jahren immer noch an derselben Stelle stand. Denn ihr Vater John Hasenberg hatte die Strapazen der Behandlung in Bergen-Belsen, die Aufregung des Transports und vielleicht auch die gute, allerdings ziemlich versalzene Verpflegung nicht vertragen. Er starb im Zug und sein Leichnam wurde an dieser Stelle in Biberach am 23. Januar 1945 ausgeladen und auf dieser Bank abgelegt. Der letzte Anblick ihres Vaters! 

 Bahnhof Biberach

Irene Hasenberg-Butter berichtete: „Dass mein Vater nach all dem, was er ertragen hatte, unsere Befreiung nicht mehr erlebte, war ein unerträglicher Schock. Wir drei waren danach noch lange gefühlsmäßig wie betäubt. Der Zustand meiner Mutter verschlechterte sich so, dass sie sofort nach Ankunft des Zuges in St. Gallen in ein Krankenhaus gebracht werden musste. Auch mein Bruder musste dort eingewiesen werden. Ich war ein 14-jähriges Mädchen, das gerade seinen Vater verloren hatte und dessen Mutter gerade in extrem kritischem Zustand im Krankenhaus lag. Trotzdem erlaubten mir die Schweizer nicht, in der Schweiz zu bleiben. Die Ironie des Schicksals wollte es, dass es den Schweizern endlich gelang, meine Familie auseinander zu reißen, obwohl die Deutschen meine Familie in zwei Konzentrationslagern nie aufgeteilt hatten. Sie setzten mich in den Zug nach Marseille.“

Für Irene Hasenberg ging also der Transport weiter. Die Juden aus Bergen-Belsen wurden nicht freigekauft, wie auf der Website über den Laupheimer Jüdischer Friedhof angegeben. Es handelte sich um einen regulären Austausch von internierten Zivilisten. Dazu muss man wissen, dass bei derartigen Austauschaktionen zwischen kriegsführenden Mächten die Anzahl der auszutauschenden Personen exakt stimmen musste, sonst drohte das gesamte Unternehmen zu scheitern. Irene Hasenberg war noch verhältnismäßig gesund und wurde deshalb wieder dem Austauschtransport zugeteilt. Dagegen hätten die Schweizer gar nichts machen können. Nur, in Marseille angekommen, wurden die Inhaber von ordentlichen amerikanischen Papieren auf die „Gripsholm“ gebracht, ein Schiff, das im Auftrag des Internationalen Roten Kreuzes Austauschtransporte zwischen kriegsführenden Staaten durchführte. Personen mit echten US-Papieren durften in die USA einreisen. Irene Hasenberg mit ihrem provisorischen Passversprechen eines südamerikanischen Staates durfte nicht mit. Sie wurde nach Phillipeville in Algerien gebracht, wo man alle geretteten Juden ohne gültige Pässe in einem Flüchtlingslager der UNRRA (United Nations Relief and Rehabilitation Administration), also der UNO-Organisation zur Betreuung verschleppter Menschen, aufnahm.

Zwei Monate lang erfuhr die Vierzehnjährige nicht, ob ihre Mutter und ihr Bruder überlebt hatten und es sollte 1 ½ Jahre dauern, bevor sie ihre Familie wiedersah. Trotz der Tatsache, dass sie glücklich den Klauen der Nazis entronnen war, ein wahrhaft erschütterndes Schicksal.

Verwandte in den USA unternahmen alles Mögliche, um der Familie Hasenberg doch noch zur Einreise in den USA zu verhelfen. Im Dezember 1945 erhielt endlich Irene als erste die Genehmigung dazu. Angehörige ihrer Mutter – für die Jugendliche absolut fremde Leute – nahmen sie auf, bis im Sommer 1946 ihre Mutter und ihr Bruder folgten. Bis 1949 lebten die drei in verschiedenen Zimmern zur Untermiete in New York, wo starke Wohnungsknappheit herrschte. Dann erst wurde eine eigene Mietwohnung frei.

Irene Hasenberg war über 2 ½ Jahre in keine Schule gegangen. Ihr Nachholbedürfnis war riesengroß und im Land der unbegrenzten Möglichkeiten konnte auch das Kind einer völlig mittellosen Witwe den High-School-Abschluss machen, ein College besuchen und sogar den Doktortitel erlangen.

Interessanterweise sprach man in der Familie Hasenberg jahrzehntelang nicht über die Vergangenheit. Erst in den 1990er-Jahren wollten ihre Kinder etwas über den Großvater John Hasenberg wissen und die Familie besuchte die Stätte der Erinnerung in Biberach und das Grab in Laupheim.

 

Was für ein Lager war das Lager Lindele also gegen Kriegsende?

Das Lager Lindele diente der SS und dem Auswärtigen Amt gegen Kriegsende als eine Art Austauschlager. Schon im November 1944 verlegte man aus Bergen-Belsen nordafrikanische Juden nach Biberach-Im Austausch gegen 42 US-Amerikaner kamen im Januar 1935 40 deutsch-österreichische Judenfamilien. Die Menschen aus Bergen-Belsen dienten der SS eben nur als Zählmaterial. Man wusste ja nicht, ob die rund 800 austauschberechtigten Amerikaner aus dem gesamten Reichsgebiet angesichts der unsicheren Verkehrslage in den letzten Kriegsmonaten überhaupt rechtzeitig zur Abfahrt des Austauschzuges Ravensburg oder Liebenau erreichen würden. Also füllte man die fehlende Anzahl mit den Menschen aus Bergen-Belsen auf. Als der Austauschzug bei Kreuzlingen über die Grenze gefahren war, verteilte man die übrig gebliebenen Juden auf die bestehenden Internierungslager Biberach, Wurzach und Liebenau. So kamen Ende Januar nochmals 92 Juden ins Lager Lindele. Auf diese Weise wurde ein Lager, das für ca. 800 bis 900 Menschen vorgesehen war, mit über 1300 Menschen belegt: die Höchstzahl während des ganzen Krieges.

Marietta Moskin, geb. Duschnitz, die 1928 in Wien geboren wurde und erst letztes Jahr in New York verstarb, hat ihre Erinnerungen an die Zeit in deutschen Lagern auf andere Weise zu verarbeiten gesucht. Sie schrieb 1972 ein Jugendbuch, mit dem Titel „I am Rosemarie“, das amerikanischen Schulkindern das Schicksal dieser gegen Kriegsende ins Lager Lindele verschlagenen Gruppe deutsch-österreichischer Juden aus den Niederlanden auf anschauliche Weise nahe bringen sollte und das 2002/03 von Biberacher Schülern übersetzt wurde. 2005 brachte der Bertelsmann-Verlag diese Übersetzung als Taschenbuch unter dem Titel: „Um ein Haar - Überleben im Dritten Reich“ heraus.

Marietta Moskin schilderte in einem Brief ihren Eindruck vom Internierungslager Biberach mit den Worten: „Meine Erinnerungen an meinen Aufenthalt in Biberach sind im großen und ganzen sehr positiv. Insgesamt war dieses britische Lager für meine Gruppe, die aus Bergen-Belsen kam, der reinste Himmel nach der Hölle aus der wir kamen.“ Sie bezeichnete das Lager Lindele immer als britisches Lager, vermutlich weil in den letzten Kriegsmonaten die deutsche Lagerverwaltung nicht mehr viel zu sagen hatte und auf jeden Fall gut mit der inneren britischen Lagerverwaltung zusammenarbeitete.

Das Ende des Lagers Lindele als Internierungslager kam nicht gleich mit der Befreiung durch französische Truppen am 23. April 1945. Die Kanalinselbewohner wurden erst Anfang Juni nach England ausgeflogen. Die Familie Duschnitz, wie auch die anderen jüdischen Familien, konnte nicht nach Holland zurück. Sie galten nun als Staatenlose und wurden von der UNRRA im Jordanbad betreut. Mariette Moskin erzählte aber, wie beeindruckt sie war, als die Laupheimer Familie Steiner sie und andere Juden zu einem Festessen ins Schloss Großlaupheim einlud, wo man an einer großen Tafel unter hell erleuchteten Lüstern speiste, was für die junge Frau nach den Jahren des Elends ein unvergessliches Erlebnis war. Als sie zur Präsentation der deutschen Ausgabe ihres Buches 2005 nach Biberach kam, hatte sie den Wunsch, diesen Raum noch einmal zu sehen. Doch leider befand sich damals das Laupheimer Museum im Schloss gerade im Umbau.

 

Die Toten des Lagers Lindele auf dem jüdischer Friedhof in Laupheim

Kommen wir nun zum Laupheimer jüdischer Friedhof, auf dem nach meiner Recherche sieben Tote der Bergen-Belsen-Gruppen aus dem Lager Lindele beerdigt wurden. Nämlich:

 

Arthur Nathan, geb. 17.12.1861 in Triest, gest. 25.11.1944 im Lagerhospital Biberach

Franz Lassally, geb. 28.4.1901 in Hamburg, gest. 23.1.1945 auf dem Transport von Bergen-Belsen

John Hasenberg, geb. 8.10.1892 in Neumünster, gest. 23.1.1945 auf dem Transport von Bergen-Belsen

Leon Julius Redner, geb. 4.10.1916 in Hamburg, gest. 31.1.1945 in Biberach

Herrmann Feinstein, geb. 17.3.1876 in Voldylanken(?), gest. 5.2.1945 im Lagerhospital Biberach

Elazar Schönberg, geb. 1.10.1885 in Auschwitz, gest. 24.2.1945 im Lagerhospital Biberach

Dierck Simon Langedyk, geb. 7.6.1891 in Groningen, gest. 3.3.1945 im Lagerhospital Biberach

 

Das erste Opfer war Arthur NATHAN. Er kam am 17.11.1944 nach Biberach und starb schon wenige Tage nach der Ankunft des Transportes aus Bergen-Belsen im Lagerhospital in Biberach. Er kam mit seiner Frau Jeanette, die zehn Jahre älter als er war und aus London stammte. Er befand sich in dem Transport mit nordafrikanischen Juden, die von den Italienern in Tripolis und Bengasi verhaftet und in Lagern in Italien interniert worden waren. Von dort holte sie die SS nach Bergen-Belsen, als Italien 1943 die Seite wechselte. Alle Häftlinge dieser Transporte litten an einer ansteckenden Augenkrankheit und an Geschwüren.

Die Grabsteine von Franz LASSALLY und von John HASENBERG tragen beide das gleiche Todesdatum, den 23. 1. 1945. Beide haben bereits den Transport im Januar 1945 von Bergen-Belsen nach Biberach nicht überlebt. Während die Bestattung von John Hasenberg auf dem Katholischen Friedhof in Biberach nachgewiesen werden kann, gibt es von Franz Lassally in den Biberacher Totengräberbüchern keine Spur. Vielleicht wurde sein Leichnam erst in Ravensburg oder Meckenbeuren ausgeladen. Wir wissen es bis jetzt nicht.

Leon Julius Redner war ein Hamburger Kaufmann, der mit Häuten handelte. Er heiratete am 4.12. 1943 noch im Lager Westerbork eine Henriette van Leeven, die ihn durch alle Lager bis nach Biberach begleitete, wo er dann aber am 30. 1. 1945 starb. Er fand seine Ruhestätte zunächst auf dem Evangelischen Friedhof Biberach, bis er vermutlich auf Anordnung der Besatzungsmacht wie die anderen am 10. 1. 1946 auf den Laupheimer Jüdischer Friedhof überführt wurde. Seine Frau verließ am 26. Mai 1945 das Lager Lindele und wurde nach Holland repatriiert, also noch bevor das Lager selbst aufgelöst wurde. Als Holländerin hatte sie das Recht zur Heimkehr im Gegensatz zu der überwiegenden Mehrzahl der Juden in diesem Lager.

Lazar Schönberg stammte aus Auschwitz; seine Frau Regina kam aus Tarnow in Galizien. Vor dem Krieg lebte er in Chemnitz als Handwerker. Er flüchtete mit seiner Familie nach Amsterdam, wo er zusammen mit der aus Berlin kommenden Familie von Ascher Sann im gleichen Haus lebte, in der Jan van Eijckstraat 22. Lazar besaß einen Rettungspass von Honduras und kam nach Bergen-Belsen. Seine Mitbewohner kamen 1943 in Auschwitz ums Leben. Am 2. März 1945 starb Lazar Schönberg im Lager Lindele. Wie der bereits auf dem Transport verstorbene John Hasenberg wurde auch Schönberg zunächst auf dem katholischen Friedhof in Biberach beigesetzt und im Dezember 1945 nach Laupheim auf den jüdischen Friedhof umgebettet. Bis Anfang 2011 wusste die Familie Schönberg nicht, wo der Familienvater beerdigt ist. Nachkommen der Familie leben heute in der Nähe von New York. Durch eine Recherche des Urenkels, Ben Schwalb, der in Tübingen studierte, konnte die Frage jetzt geklärt werden.

Wo Hermann Feinstein geboren wurde, ist nicht klar. In den Transportakten von Bergen-Belsen heißt es, er sei in Voldylanken geboren. Laut holländischen Websites soll er in Meldiglauken auf die Welt gekommen sein. Beide Ortsnamen sind nicht zu verifizieren. Auf dem Grabstein steht Elbing. Das ist eine Stadt im heutigen Nordpolen, einst West- bzw. seit 1920 Ostpreußen. Tatsache ist: Im Februar 1938 kam er als deutsch-polnischer Flüchtling in die Niederlande, wo er sich in Oostzaan, einem nördlichen Außenbezirk von Amsterdam, niederließ. In erster Ehe war er mit Anna Berlowitz in Elbing verheiratet gewesen, die 1933 starb. Im April 1938 ließ er möglicherweise seine spätere Frau Bianka Goldberg, Jg. 1884, nachkommen, die selbst die Witwe von Hirsch Kaplan war, der schon 1923 in Berlin verstorben war. Als die beiden im Oktober 1938 die Ehe eingingen, war das offensichtlich die erste deutsche Flüchtlingsehe in Oostzaan.

Besonders irritierend ist, dass zwar in Biberach der Tod von Dierk Simon LANGEDYK, Jg. 1891, am 3. März 1945 im Lagerhospital dokumentiert ist. Auch seine Beerdigung auf den Katholischen Friedhof Biberach am 6.3. 1945 und seine Umbettung nach Laupheim am 10.1.1946 ist verbürgt. Aber es gibt keinen Grabstein in Laupheim. Wer war Dierk Simon Langedyk? Im Biberacher Totengräberbuch wird er als Dr. phil. , auf einer holländischen Website als Kaufmann bezeichnet. Vermutlich war er weder das eine noch das andere. Er ist auf jeden Fall ein holländischer Jude, geboren in Groningen. Seine sieben Jahre jüngere Frau Hildegard Langedyk-Wallach kam aus Recklinhausen. Sie war herzkrank. Bis Februar 1941 lebten sie in Amsterdam. Langedijks Bruder lebte in Lausanne. Sie hatten auch eine Tochter Margot-Regina, die 1921 auf die Welt kam und als Friseurin arbeitete. Im Mai 1942 verlobte sich die Tochter mit Hans Cohen, kurz bevor die beiden nach Auschwitz deportiert wurden. Margot-Regina lebte bereits im September nicht mehr. Auch ihr Verlobter erlebte das Kriegsende nicht. Langedijk war blind und Präsident der Liga blinder Juden Amsterdam und er arbeitete bis 1944 im Haus der jüdischen Blinden in Amsterdam. Er besaß ein Einreisezertifikat für Palästina. Langedijks kamen mit einem Rettungspass von Honduras nach Bergen-Belsen und Biberach. Bei der Stadtgemeinde Amsterdam besteht auf jeden Fall ein Register, in dem auch seine Familie gegenüber der Bundesrepublik Deutschland Ansprüche wegen Plünderung ihres Haushalts während des Krieges anmeldeten. Hat seine Frau, den Leichnam ihres Mannes nach Holland überführen lassen? Eindeutig ja! Sein Grab befindet sich heute auf dem israelitischen Friedhof Muiderberg in Muiden, in der Provinz Nordholland. Der jüdische Friedhof in Muiderberg ist der älteste Friedhof der Juden von Amsterdam. Dort sind etwa 45.000 Menschen begraben.Aber wann hat man den Leichnam nach dort überführt?

Malka Liebermann-Stryzower, Jg. 1887, war die Frau von Jechiel Hirsch Liebermann, der schon im Januar 1945 in Bergen-Belsen verstorben war. Sie stammte aus Rzeszów, einer Stadt in Südost-Polen unweit der Karpaten mit heute fast 200.000 Einwohnern. Sie lebte zunächst im Prenzlauer Berg in Berlin und versuchte sich dann, mit ihrem Mann in die Niederlande zu retten. Sie kam mit ihrer Tochter Nelly, die 1925 in Berlin auf die Welt gekommen war, über Westerbork nach Bergen-Belsen. Auch sie war in dem Austauschzug in Richtung Schweiz, kam aber nicht nach Biberach, sondern am 1. Februar 1945 ins Internierungslager im Schloss Wurzach. Gestorben ist sie erst am 18. 1. 1946. Aber wo? Ich vermute im UNRRA-Lager Jordanbad, wohin alle staatenlosen Juden gebracht wurden. Sie wurde nicht auf einem Biberacher Friedhof beerdigt, sondern vermutlich direkt auf dem jüdischen Friedhof in Laupheim.

Leopold Caspary. Jg. 1884; soll Berliner gewesen sein. Er starb ebenfalls im Jordanbad, aber erst 1947. Im Gegensatz zu Malka Liebermann war er im Lager Lindele. Aber er gehörte nicht zu den Leuten, die aus Bergen-Belsen kamen. Das britische Lagerregister verzeichnete seine Ankunft im Lager Lindele am 17. November1944 und vermerkt: „Aus Polen“. Das kann nur heißen, er kam aus einem der Konzentrationslager, weil die SS nach geeigneten „Austauschjuden“ suchte. Er muss schon damals nicht gesund gewesen sein, denn am 19. Mai 1945 wurde er ins Jordanbad verlegt, das damals Krankenhaus war, lange bevor es UNRRA-Lager wurde. Dort tauchte sein Name in einem anderen Zusammenhang nochmals auf. Ins Jordanbad kam auch ein Alfred Thonet, ein Mitglied der berühmten Thonet-Familie aus Wien – jeder kennt die Thonet-Stühle – gebogenes Holz. Alfred Thonet konnte schon im August 1945 in die USA ausreisen, ließ aber einen großen Überseekoffer im Jordanbad zurück, der ihm nachgeschickt werden sollte. Das aber geschah nicht. Immer wieder fragte er brieflich nach, bis ihm die UNRRA 1947 mitteilte, man habe seinen Koffer im Zimmer des verstorbenen Leopold Caspary gefunden.

Aber was wissen wir schon über einen solchen Menschen? Wer war Caspary wirklich? In Theresienstadt starb schon 1943 ein Mann des gleichen Namens aus Berlin, aber Jahrgang 1868. In den Lagern im Osten wurden vielfach neue Identitäten angenommen, um der Vernichtung zu entkommen. Wir wissen im Grunde nur einige Namen und Lebensdaten. Wie viel Hoffnung, aber auch wie viel Leid mag sich hinter einem solchen Namen verbergen? Wer weiß das? Vieles bleibt im Ungewissen. Wir haben nichts als einen Grabstein – einen Ort des Gedenkens.

 

 

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