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Sebastian Ganser

Ein unerschrockener Mann aus dem Volk mit festen moralischen Grundsätzen

 

Von Ursula Volwiler und Markus Ganser

 

Dieser Artikel gibt einen Einblick in die Lebenswelt des Laupheimers Sebastian Ganser vom Anfang der zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts bis in die Nachkriegszeit. Im Vordergrund stehen dabei die Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus und der Umgang mit jüdischen Mitbürgern in Laupheim.

 

Landwirt und Landtagsabgeordneter

-    12. Oktober 1882 bis 8. Juli 1957

-    Verheiratet mit Kreszenz Ganser geb. Hegerle (1887-1960), gemeinsame Kinder:

-    Franz (1919-1992)

-    Theresia (1921-2002)

-    Sebastian jun. (1921 – gef. 1945)

-    Antonie (1922)

-    Eugen (1923- 1969)

-    Eleonore (1928-1999)

-    Josef (1929-2005)

 

Zeit vor 1933

Der gebürtige Laupheimer machte eine Ausbildung in der Landwirtschaftsschule in Hohenheim und führte nach seinem Abschluss den landwirtschaftlichen Familienbetrieb in Laupheim. Das Anwesen befand sich in der Mittelstraße 36. Ganser – im Ort allseits als Bäuerles Baschde bekannt – war Mitbegründer der Molkereigenossenschaft in Laupheim und leitete von 1919 bis 1922 die dortige Bezugs- und Absatzgenossenschaft.

Stark geprägt vom Katholizismus war Ganser bereits von 1920 bis 1924 Abgeordneter der Deutschen Zentrumspartei im Württembergischen Landtag. Darüber hinaus war er im Laupheimer Gemeinderat aktiv. Für ein funktionierendes Gemeinwesen galt ihm das gleichberechtigte Miteinander von Christen und Juden als selbstverständlich und dementsprechend war er mit vielen jüdischen Mitbürgern freundschaftlich verbunden, beispielsweise mit der Familie von Max Obernauer.[1]


 

Gansers Ehefrau Kreszenz war regelmäßige Kundin bei der ebenfalls in der Mittelstraße gelegenen jüdischen Textilwarenhandlung Hofheimer. Als sie eines Tages beim Einkauf nicht genug Geld hatte, reagierte Frau Hofheimer schlicht mit den Worten: "Noch brengscht halt a paar Oier!"(2)

 

Diese – vermeintlich banale – Begebenheit ist natürlich nicht repräsentativ als Stimmungsbild der Laupheimer Gesellschaft vor 1933, dennoch illustriert sie am konkreten Einzelfall den unkomplizierten Umgang der Laupheimer miteinander, bei dem die Frage, ob Jude oder Christ, praktisch keine Rolle spielte.

 






Laupheimer Geschehnisse nach 1933

Auch nach der Machtergreifung durch die Nationalsozialisten blieb Ganser seiner Geisteshaltung treu und „unterhielt konsequent nach 1933 gute Beziehungen zu jüdischen Familien.“[3] So berichtet Sebastian Gansers Tochter Antonie beispielsweise, dass sich Obernauer und Ganser regelmäßig im Ganserschen Anwesen trafen, aber nach 1933 dafür vorsichtshalber der Hintereingang gewählt wurde. Auch gab es  wiederholt nächtliche Übergriffe durch SA-Leute und deren Sympathisanten, bei denen im Ganserschen Anwesen in der Mittelstraße 36 (damals Adolf-Hitler-Straße) unter lautstarken Drohungen Fensterscheiben eingeworfen und Wände mit Schmähungen beschmiert wurden. Die Zeitzeugin berichtet auch wie sie als Kind in der Schule als „schwarzer Hund“ beschimpft und verprügelt wurde.  Belegt ist eine weitere Begebenheit aus dieser Zeit, bei der Ganser seine Abneigung gegen einen SA-Aufmarsch in der Mittelstraße unverhohlen zeigte, indem er spontan den Mistwagen anspannte, sich zum Düngen der Felder aufmachte und den SA-Leuten dabei wörtlich in die Parade fuhr.[4]  

NS-Opfer in der eigenen Familie

Pöbeleien durch Nazis und deren Mitläufer waren eine Sache. Doch das NS-Regime zeigte der Familie Ganser ihr menschenverachtendes Weltbild auch ganz unmittelbar: Augustin Ganser, ein älterer Bruder von Sebastian, war geistig behindert und wurde über mehrere Jahre hinweg in der Pflegeanstalt Heggbach versorgt. Im Zuge der systematischen Ermordung von geistig behinderten Menschen durch das Naziregime (Aktion T4) wurde er in einer Nacht- und Nebelaktion mit einem Sammeltransport aus Heggbach abtransportiert und unmittelbar in Schloß Grafeneck ermordet. Nach Archiv-Unterlagen des Dokumentationszentrums der Gedenkstätte Grafeneck geschah dies am 11.September 1940. [5] Sebastian Gansers Tochter Antonie erinnert sich noch gut an den bedrückenden Tag als die ahnungslose Familie einen Brief aus Grafeneck mit der formalen Nachricht über das ‚unerwartete Ableben‘ des Familienangehörigen erhielt.[6]

Die Situation der jüdischen Laupheimer

Nach 1933 waren in Laupheim Diskriminierungen gegen die jüdische Bevölkerung bald allgegenwärtig. Es kam zu Zwangsenteignungen und bald folgten viele alteingessesene jüdische Familien der Einsicht, dass es zur Flucht aus der Heimat keine Alternative gab: wer dazu in der Lage war, emigrierte. Die meist älteren in Laupheim verbliebenen und in Sammelunterkünften in der Wendelinsgrube oder im ehemaligen Rabbinat zwangsuntergebrachten jüdischen Mitbürger dagegen erwartete Deportation und Tod.

Es wird berichtet, dass Ganser jüdische Familien bei der Flucht unterstützte. Als Leichenkutscher kümmerte er sich in Laupheim um die Überführung von Verstorbenen. Wiederholt machte er sich auch über die Ortsgrenzen hinaus auf den Weg, wenn jemand in den Zwangsunterkünften für Juden in Heggbach oder Dellmensingen[7] verstorben war. So ermöglichte er wenigstens eine würdevolle Bestattung dieser NS-Opfer auf dem jüdischen Friedhof in Laupheim.[8]

Mehrfach wurde er wegen seines oppositionellen Verhaltens zu Verhören abgeholt, doch blieb es bis Kriegsende bei verbalen Drohungen gegen ihn.

 

Eine Anekdote illustriert, weshalb es im Laupheimer Gemeinwesen bei verbalen Drohungen gegen Sebastian Ganser blieb: Er war schlagfertig und hatte meist genug Beweislast gegen die, die ihn anschwärzten. So wurde er während des Kriegs von einem linientreuen Laupheimer des Schwarzschlachtens bezichtigt und mit einer Anzeige bedroht. Ganser nahm ihm darauf direkt den Wind aus den Segeln, indem er sagte: Jo, und du hoscht jedes mol mitgfressa, deshalb woischt du des so guat!“[9] 



Nachkriegszeit

Belegt ist eine Begebenheit aus der frühen Nachkriegszeit, als eine große amerikanische Limousine mit ausländischen Kennzeichen vor dem Ganserschen Haus in der Mittelstraße 36 vorfuhr und der gebürtige Laupheimer Helmut Steiner ausstieg, um sich bei Sebastian Ganser für dessen Einsatz für die jüdischen Laupheimer zu bedanken. Helmut Steiner war 1936 mit seiner Familie aus Laupheim in die Schweiz geflohen.[10]

Nach dem 2. Weltkrieg war Ganser Gründungsmitglied der Laupheimer CDU, deren Vorsitz er bis 1953 inne hatte. Von 1946-1948 war er erneut Mitglied des Gemeinderats der Stadt Laupheim. Von 1947 bis 1953 war er zudem Landtagsabgeordneter. Bekannt war Ganser auch für seinen Humor und Wortwitz. „Im Kreise der Bauern galt er stets als aufgeschlossener Berater und stellte auch jederzeit seine große Lebenserfahrung der Allgemeinheit zur Verfügung"[11]. Er wird beschrieben als „stattlicher Mann mit politischem Profil und Humor, der mit seiner kräftigen Stimme eine Versammlung auch mal zum Lachen bringen konnte.“[12] So kommentierte er seine gelegentliche Abwesenheit vom Stuttgarter Landtag in „geschliffenem“ Hochdeutsch mit den Worten: „Während meine Kollegen im Landtag Gesetze beschließen, muß ich zuhause bleiben, das Feld bestellen und Saich führen!“[13]

Sebastian Ganser starb im Alter von 74 Jahren am 8. Juli 1957.



















Das Gansersche Haus ( Mittelstraße 36) in den 60er Jahren

Bild links: von der Grundschule aus gesehen

Bild rechts: Gebäude von Richtung Schmidstraße aus gesehen;

in den frühen 80er Jahren abgerissen.




 

 

[1] siehe: Emmerich, Rolf:  Kehillah Laupheimer Spuren. Stuttgart und Laupheim. 2012. ISBN 978-3-933726-44-5. (S. 165-166); (Details zu Familie Max Obernauer in „Die jüdische Gemeinde in Laupheim und ihre Zerstörung“. 2013.  ISBN 978-3-00-025702-5 bzw. in der Online-Ausgabe unter http://www.gedenk-buch.de/KAPITEL/71%20OBERNAUER%20Max.htm)

[2] überliefert von Eleonore Ganser, Tochter von Sebastian Ganser; Details zu Fam. Hofheimer in „Die jüdische Gemeinde in Laupheim und ihre Zerstörung“. 2013.  ISBN 978-3-00-025702-5 bzw. in der Online-Ausgabe unter http://www.gedenk-buch.de/KAPITEL/50e%20HOFHEIMER%20Clara.htm)

[3] siehe 1)

[4] aus den Erinnerungen von Antonie Seeberger, Tochter von Sebastian Ganser (Interview von 2010)

[5] schriftliche Auskunft der Gedenkstätte Grafeneck Dokumentationszentrum vom 5. August 2016

[6] nähere Information über formalisierte Trostbriefe aus Grafeneck unter https://grafeneck.finalnet.de/letter.php

[7] Diese Sammelunterkünfte waren nichts anderes als Zwischenstationen für die enteigneten und aus ihren Heimatorten vertriebenen Juden, die in der Folge in die KZs in Osteuropa deportiert werden sollten. Siehe in diesem Kontext auch den Wikipedia-Eintrag zur 11. Verordnung zum Reichsbürgergesetz vom 25. 11. 1941. Diese Verordnung diente in der Nazi-Willkürjustiz zunächst als Legitimation für die Enteignung von ausgewanderten Juden, später auch für die Enteignung von deportierten Juden. 

[8] aus den Erinnerungen von Antonie Seeberger, geb. Ganser; siehe auch: Emmerich, Rolf:  Kehillah Laupheimer Spuren. Stuttgart und Laupheim. 2012. ISBN 978-3-933726-44-5. (S. 165-166); die auf dem Jüdischen Friedhof in Laupheim bestatteten NS-Opfer aus den Sammellagern Heggbach und Dellmensingen sind namentlich aufgeführt in Nathanja Hüttenmeister: Der jüdische Friedhof Laupheim. 1998. ISBN 3-00-003527-3 (S.521-529); zur Biografie von Frau Frida Dettelbacher, die im Zwangsaltersheim Dellmensingen vertorben und auf dem jüdischen Friedhof bestattet wurde, siehe Webseite der Initiative Stolpersteine Göppingen e.V. unter http://www.stolpersteine-gp.de/?page_id=1066

[9] aus den Erinnerungen von Antonie Seeberger, geb. Ganser

[10] aus den Erinnerungen von Antonie Seeberger, geb. Ganser (Interview von 2010); Details zu Familie Steiner in „Die jüdische Gemeinde in Laupheim und ihre Zerstörung“. 2013.  ISBN 978-3-00-025702-5; Details zu Familie Steiner in „Die jüdische Gemeinde in Laupheim und ihre Zerstörung“. 2013.  ISBN 978-3-00-025702-5 bzw. in der Online-Ausgabe unter http://www.gedenk-buch.de/KAPITEL/84%20STEINER%20SIMON.htm)

[11] Artikel in Schwäbische Zeitung vom 19. Juli 1957, auch aufgeführt in CDU Stadtverband Laupheim: Festschrift 50 Jahre 1946 – 1996

[12] aus: CDU Stadtverband Laupheim: Festschrift 50 Jahre 1946 – 1996

[13] zitiert aus: Grötzinger, Marlies: Laupheimer Anekdoten & Originale. 1997. ISBN 300000954x. (S. 25-26), auch aufgeführt in Eß, Robert: Bilderbuch Alt-Laupheim, Laupheim 2015. (S. 136)

 

 

 

 

 

 

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