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Der Fall Dimitrij Siwidow

Bericht zur Verurteilung und Hinrichtung eines Zwangsarbeiters in Obersulmetingen.

von Michael Schick

Eigentlich sollte die Geschichte und das Schicksal eines jungen Zwangsarbeiters aus der Ukraine gegen Ende des 2. Weltkrieges vergessen werden. So wollten es ursprünglich die Ankläger, die Täter und auch einzelne Bürger. Aber diese Gräueltat, welche sich in Ober- und Untersulmetingen ereignet hatte, brannte sich in die Köpfe der Bürger aus der Region ein, immer wieder wird vom „Russen“ erzählt . Wenn sich noch jemand von der älteren Generation an das Geschehene erinnert, meist aber dann nur durch Erzählungen von Dritten. Der Name Dimitrij Siwidow war bereits vergessen.

Jene die diese dunklen Tage der Gemeinde Ober- und Untersulmetingen miterlebten, waren dramatisiert von diesem schrecklichen Ereignis, welches sich vor der "eigenen Haustüre" ereignete. Die nächste Generation wollte das Geschehene vergessen und verdrängen. Jetzt, die dritte oder gar vierte Generation will wissen was wirklich geschah.

Die Erzählungen und Erinnerungen an das Geschehene weichen teilweise erheblich von einander ab, deshalb ist hier versucht aus den Erzählungen und Erinnerungen von Zeitzeugen, sowie verschiedenen noch vorhandenen Akten eine Zusammenfassung des Falls zu schildern.

 

Bisherige Recherchen

Gegen das Vergessen setzte sich bereits der Biberacher Lehrer Reinhold Adler ein. Mit einer Arbeitsgemeinschaft seiner Schule, welche sich kurz „Geschichte AG“ nannte, kümmerte er sich zunächst um den sogenannten Russenfriedhof in Biberach. Der Friedhof befindet sich in der Memminger-Straße. Hier stießen die Schüler auf das Schicksal des jungen Dimitrij Siwidow. Jedoch ist hier die Grabinschrift unvollständig. Dieser soll dort seit Ende des Kriege, nach der Umbettung aus Untersulmetingen beerdigt sein.

Die Schüler der Biberacher Dollinger-Realschule unter der Leitung von Reinhold Adler versuchten Zeitzeugen von 1943 ausfindig zu machen. Im Frühjahr 1992 Interviewten sie einige aus Unter- und Obersulmetingen stammenden Bürger. Die Schüler fertigten Gesprächsprotokolle und tippten diese auf der Schreibmaschine in Reinform. Mit der Videokamera wurden die Gespräche und der Ort des Geschehens dokumentiert. Reinhold Adler archivierte diese Dokumente der Zeitgeschichte und stellte diese mir zu Verfügung. Das Filmmaterial befindet sich in der Kreisbildstelle in Biberach.

Es ist zu beachten, dass die befragten Personen sich nach fast 50 Jahren an dieses Geschehnis erinnerten. So ist es gelegentlich zu Widersprüchen gekommen.

Befragt wurden:

    -         Frau Dunja (Jowdocha) Pfender, Bahnhofstraße 23 in Laupheim

-         Herr Hans Jerg, Grüner Weg 3 in Obersulmetingen

-         Herr Herbert Ott, aus Untersulmetingen

-         Frau Strahl von der Ortsverwaltung Untersulmetingen

-         Herr Ernst Schäll, Weldenstraße 81 in Laupheim

In den nachfolgenden Kapiteln ist das Geschehnis auch den gesamten Protokollen zusammen gefasst.

Der Laupheimer Heimatforscher Robert Ess hat in seinem mehrbändigen Werk auch die Geschichte vom Dimitrij Siwidow aufgegriffen und Auszüge von Familienchroniken mit publiziert. Hier sind Aufzeichnungen folgender Familien bekannt:

    -         Chronik der Familie Braig

-         Auszüge aus der Kirchenchronik

-         Chronik der Familie Werz aus Obersulmetingen

Er hat in dem Buch auch die Sterbeurkunde veröffentlicht. Als PDF öffnen

Durch Anfragen in verschiedenen privaten und öffentlichen Archiven wurde weiteres bedeutendes Material zu diesem Fall entdeckt. Im Sigmaringer Staatsarchiv sind die Akten zum Hauptankläger archiviert. Durch die freundliche Unterstützung deren Mitarbeiter konnten von den umfangreichen Akten Kopien gefertigt werden, welche in diesen Bericht mit einfließen. Es handelt sich um die Aktenbestände mit den Nummern Wü 13 T Nr. 2644/137 und Wü 13 T 2 Nr. 877/025

Das Leben als Zwangsarbeiter

In einem Schülerprotokoll vom 24. Januar 1992 wird das Leben als Zwangsarbeiter beschrieben. Interviewt wurde die in Laupheim verbliebene und dort lebende ehemalige Zwangsarbeiterin Frau Dunja Pfender.

Frau Pfender erzählt, sie wohnte in einem Dorf südlich von Kiew. Am 08. April 1942 wurde sie als 18 jährige beim Einkaufen im Dorf zusammen mit drei weiteren Mädchen von der deutschen Polizei aufgegriffen und ins dortige Rathaus verbracht. Der Begriff entführt oder verschleppt macht die Situation deutlicher. Die Opfer hatten keinerlei Möglichkeit ihren Familien zu benachrichtigen. Dann wurden die Jugendlichen in die Kreisstadt gebracht, von dort nach Kiew in ein Lager. Zusammen mit 2500 Jungen und Mädchen wurde sie in Viehwagen nach Deutschland verbracht. Auf dem Transport gab es keinerlei Verpflegung, lediglich an den Haltestellen gab es gelegentlich Wasser. Es sind einige Personen auf dem Transport verstorben. In Polen ist der Zug dann noch durch Minen beschädigt worden, was zu weiteren Toten geführt hatte. Am 24. April 1942 ist der Zug dann in Ulm angekommen. Zuvor hatten die Verschleppten keinerlei Möglichkeiten ihre Familien zu verständigen. Lediglich ein alter Mann konnte dann der Familie vom Geschehenen berichten. Erst 1943 hatte sie den ersten Kontakt zu ihren Eltern mittels einer Postkarte.

Von Ulm aus wurde Frau Pfender mit drei oder vier ihr unbekannten Ukrainern dem Arbeitsamt Laupheim zugeteilt.

Frau Dunja Pfender wurde dem in Westerflach bei Untersulmetingen ansässigen Bauer und Gastwirt Anton Herre zugeteilt. Sie musste in der Landwirtschaft von morgens 5 Uhr bis meist Mitternacht arbeiten. Freizeit gab es nur am Sonntag drei Stunden.

Obwohl die junge Dunja in der Schule in der Ukraine Deutschunterricht hatte, kam es zu Sprachproblemen. Der Berufswunsch der jungen Dunja war eigentlich Ärztin.

In der Familie des Bauern durfte die Zwangsarbeiterin am Tisch des Bauern essen. Der Zutritt zur Gaststube war ihr strikt untersagt. Als sie im strengen Winter 1942/43 in der Gaststube eine Postkarte schreiben wollte, denn in der Küche wurde nicht geheizt wurde sie von einem Gast aus der Gaststube verwiesen. Sie soll ihre Briefe im Hof schreiben. Ein Beispiel für die unmenschliche Behandlung.

Der bei dem Bauern zuvor eingesetzte Zwangsarbeiter war im Laupheimer Krankenhaus verstorben. Er war durch den Transport sehr geschwächt und krank angekommen, so dass er kurz darauf verstarb.

Frau Pfender berichtet von einer ukrainischen Zwangsarbeiterin in Laupheim, welche von ihrem Bauern geschlagen und misshandelt wurde. Auch als sie krank war, verlangte der Bauer die gleiche Arbeitsleistung. Erst ein Nachbar verständigte dann den Arzt. Danach sei sie dann zu einem anderen Bauern gekommen.

In einem anderen Fall in Untersulmetingen ist der Tod einer Zwangsarbeiterin mit Altersschwäche diagnostiziert worden. Also nicht nur junge Leute wurden von den Deutschen entführt sogar auch alte Personen.

Frau Pfender berichtet dann weiter von der Zeit nach der Befreiung und die mögliche Rückkehr in die Heimat. Laupheim war ihr vertraut worden und sie verbrachte ihr restliches Leben bis heute hier. Sie berichtet auch von einem Heiratsantrag des Bauern bei dem sie diente.

Unter anderem berichtet Frau Dunja Pfender weiter von dem Geschehnis von Dimitrij Siwidow.

 

Zur Person Dimitrij Siwidow

Wie Dunja Pfender, muss Dimitrij Siwidow auf ähnlichen Weg nach Deutschland verschleppt worden sein.

Dimitrij Siwidow wurde am 25.Oktober oder am 02. Dezember 1914 in Jumska (Sumska) oder Zuvankal in der Ukraine geboren. Hier sind verschiedene Daten und auch Orte dokumentiert. Zuletzt wohnte er der Ukraine in Zuvankal / Kiew.

Aus einem Gedächtnisprotokoll ist bekannt, dass er verheiratet gewesen sein soll und er hatte drei Kinder. Seine Familie ist in der Ukraine zurück geblieben. Ob von der Familie noch Personen leben ist nicht bekannt.

Dimitrij Siwidow kam am 29.06.1942 nach Untersulmetingen und wurde dem Bauern Georg Kreutle zur Unterstützung bei der Landarbeit zugeteilt.

Wie eine ehemalige Gemeindemitarbeiterin berichtete wurde in den 1980er Jahren eine Anfrage aus der Ukraine an die Gemeinde gerichtet. Hier soll sich jemand nach dem Fall erkundigt haben, die Anfrage wurde jedoch nicht beantwortet. Details hierzu sind nicht bekannt.

 

Die Auseinandersetzung

Wie bereits Frau Pfender berichtete hatten die Zwangsarbeiter sonntags drei Stunden frei. Die jungen Leute trafen sich oft am Holzsteg, welcher über den Fluss “Riss“ in Obersulmetingen führt. So auch am Sonntag, den 10. Oktober 1943

Am diesem Sonntagabend gegen 19 Uhr hielt sich Dimitrij Siwidow und noch namentlich bekannt Viktor Kusmezow und anderen Personen an dem Steg über die Riss auf. Der Steg war ein beliebter Treffpunkt für die jungen russischen Zwangsarbeiter.

Aber auch die deutschen Jugendlichen trafen sich gerne an dem Steg über die Riss. Wie Herr Jerg berichtete, waren auf der Ostseite des Steges mehrere deutsche Jugendliche und auf der Gegenseite 10 – 15 Zwangsarbeiter.

Diese jungen Russen, obwohl es eigentlich Ukrainer waren, waren von der baldigen Niederlage Deutschlands überzeugt.

So kam zum falschen Zeitpunkt der Ortsgruppeleiter der NSDAP Alois Gretzinger auch „Hechts Wiesel“ genannt mit seinem Fahrrad zum Steg. Er kam von Laupheim her und wollte den Steg passieren.

Der Steg, auf dem sich die Gruppe aufgehalten hatte war schmal und nur für Fußgänger geeignet. Erst in den 90er Jahren ist der alte Holzsteg durch eine moderne breitere Konstruktion ersetzt worden.

Die jungen Russen brachten den Steg ins Wanken als Alois Gretzinger diesen passieren wollte. In der Folge kam es zu einem Streitgespräch, welches in Handgreiflichkeiten ausartete. Ortsgruppenleiter Gretzinger bekam einen Schlag ins Gesicht und ging zu Boden. So die Erinnerung von Herrn Jerg.

Die Version von Frau Pfender beschreibt den Anlass zur Auseinandersetzung wie folgt. Alois Gretzinger soll die drei Ukrainer gefragt haben,: „Was wollt ihr noch hier?“ Diese sollen geantwortet haben: „Wir haben Ausgang bis 9 Uhr!“ Darauf hin soll Gretzinger einen der drei geschlagen haben, vermutlich Dimitri Siwidow. Dieser schlug dann zurück. Frau Pfender gibt weiter an, dass die drei noch in der Nacht verhaftet und nach Ulm gebracht wurden.

Herr Jerg ist der Neffe von Alois Grötzinger und war Augenzeuge der Auseinandersetzung. Er hatte sich bei den deutschen Jugendlichen mit seinen Cousin Herbert Ott aufgehalten. Er berichtet, dass Alois Gretzinger bereits zuvor den Steg passierte und die Jugendlichen mit „Heil Hitler“ grüßte. Die deutschen Jugendlichen erwiderten den Gruß mit „Guten Abend“ Dies soll den unbeliebten Alois Gretzinger aufgeregt haben. Herr Jerg war der Meinung, dass sein Onkel einen Kontrollgang durchgeführt hatte.

Die Darstellungen von Herrn Jerg und Herrn Ott unterscheiden sich insofern, als nicht ganz klar ist, was denn am anderen Ende des Steges wirklich ablief. Herr Ott meint, der Ortsgruppenleiter sei an den Zwangsarbeitern vorbei und nach wenigen Metern zurückgekommen. Er war in Begriff wieder über den Steg zurück ins Dorf zu gehen. Jedenfalls habe er die Zwangsarbeiter angeherrscht: „Na, wann müsst ihr denn daheim sein?“ Einer hätte geantwortet: „Egal um 9 oder um 10“. Dieser sein vom Geländer herunter gerutscht, wie auch die anderen, um Platz zu machen. Sie hätten den Satz des Ortsgruppenleiters als Aufforderung zum Heimgehen aufgefasst. Darauf habe sich der Ortsgruppenleiter vernehmen lassen mit: „ Was, auch noch so frech werden!“ und habe dem Zwangsarbeiter daraufhin eine Ohrfeige verpasst. Dieser sein dem Ortsgruppenleiter, wohl infolge des Schlages entgegengetreten, mehr in der Absicht den Platz zu räumen – und keineswegs in aggressiver Absicht und mehr taumelnd, nicht mit erhobenen Armen gegen den Ortsgruppenleiter gestoßen. Das habe dazu geführt, dass ihn der Ortsgruppenleiter umklammert habe. Es sei zu einer körperlichen Auseinandersetzung gekommen, in folge dessen sich beide auf dem Boden wälzten, wenige Schritte vom Brückenende der Riss.

In den Vernehmungen vom 05. Februar 1949, also mehr als sieben Jahre später, berichten Herbert Ott und Hans Jerg über die Aussage des Dimitrij Siwidow der sagte: „du mich nix schlagen“ bzw. „du mich nix schlagen darf“

Herr Jerg ist der Ansicht, der Ortgruppenleiter sei oben zu liegen gekommen. Herr Ott meint aber dass der Zwangsarbeiter oben zu liegen gekommen ist. Beide sind sich einig, dass der Zwangsarbeiter sich befreite und entlang der Riss wegrannte. Beim ersten Zeichen der Gewalt die anderen Zwangsarbeiter überstürzt flohen. Dies hatte zur Folge, dass die Sicht für die beiden Zeugen zeitweise verdeckt war.

Wie bereits beschrieben war der Ortsgruppenleiter Alois Gretzinger der Onkel der beiden Zeugen Jerg und Ott. Die beiden sich während der Auseinandersetzung auf dem Geländer sitzen geblieben. Gretzinger stellte die beiden zur Rede, warum sie ihm nicht geholfen haben. Die Beiden antworteten gegenüber dem unliebsamen Onkel mit Achselzucken.

Alois Gretzinger sei daraufhin zum 1. Ortsvorsteher von Untersulmetingen Anton Herre gegangen. Die Zeugen Jerg und Ott folgten ihm. Diese begaben sich daraufhin zum Bauern Michel Gretzinger bei dem ein Zwangsarbeiter beschäftigt war. Anton Herre sei ins Schlafzimmer vorgedrungen und hatte diesen verschlagen, so dass die Zeugen im Hof dies bestätigen konnten. Der Bauer Michel Gretzinger hätte dann eingegriffen und gedroht „jetzt hol ich die Mistgabel“.

Die beiden Ortsgruppenleiter Alois Gretzinger und Anton Herre sind dann noch zu dem anderen Bauern gegangen um den Täter zu finden. Trotz der Verdunklungspflicht hätte sich einer der Ortsgruppenleiter in die Türe gestellt und geschrien: „Ich habe ihm die Pistole an die Schläfe gedrückt, dann hat er gestanden. Dann sind die beiden Zeugen Ott und Jerg verschwunden.

Mit dieser Beschreibung decken sich die meisten Erinnerungen zu dem Geschehnis.

Am 05. Februar 1949 wurden im Rathaus in Obersulmetingen fünf Personen vom Staatskommissariat für politische Säuberung vernommen. Es waren Anwesend: Regierungsrat Was als Vorsitzender, Regierungsangestellter Hauer als Vertreter des Staatskommissars und Ingenieur Nabjinsky als Vertreter des Kreisuntersuchungsausschusses.

Die Vernehmungsprotokolle von Hans Jerg und Herbert Ott ist das Geschehene genau geschildert. Die Angaben klingen authentisch, so ist auch von Beiden eine Aussage des Beschuldigten „Russen“ zitiert welcher sagte: „du mich nix schlagen“ bzw. „du mich nix schlagen darf“. Aufgrund dieser Aussage muss angenommen werden dass Alois Gretzinger den Zwangsarbeiter Dimitri Siwidow als erster schlug.

Weiter wurden bei diesem Verhör noch die Zeugen Georg Lindenmaier, Fabrikant in Untersulmetingen, Josef Aich, Altbürgermeister in Obersulmetingen und Lorenz Ladel, Gendarmeriemeister bzw. Polizist aus Schemmerberg vernommen. Diese waren aber nicht Augenzeuge der Auseinandersetzung. Sie machten lediglich Angaben, welche sich bis zu mehreren Tagen nach der Auseinandersetzung abspielten.

 

Verhaftung und Verhör 

Herr Hans Jerg aus Obersulmetingen berichtet weiter, dass drei Zwangsarbeiter in den Ortsarrest nach Obersulmetingen im Schloss eingesperrt gewesen wären. Er gibt weiter an, dass sie nach 2-3 Tagen wieder frei gelassen wurden. Die örtlichen Polizei- und Gerichtsbehörden hatten Zweifel an den Ausführungen von Alois Gretzinger.

Ortsgruppenleiter Anton Herre und der Teilhaber von der Firma Lindenmaier, Herr Benzinger hätten die Aussage vom Angriff des Ukrainers bestätigt und den Sachverhalt nach oben weitergegeben. Die Sache wurde an das Schnellgericht weitergegeben.

Hans Jerg und Herbert Ott waren als Lehrlinge bei Lindenmaier beschäftigt. Lindenmaier war selber schon Ortsgruppenleiter. Am darauffolgenden Morgen sind die beiden im Betrieb verhört und geschlagen worden. Josef Lindenmaier habe sich aber für diese eingesetzt und wollte wissen was genau geschehen war. Auch Herbert Otts Vater, der in Ungarn bei einer Sanitätsabteilung eingesetzt war, beschwerte sich in Berlin in einem Brief über die Diskriminierung seiner Frau und seines Sohnes. Mutter und Sohn wurden in Biberach vorgeladen und zu den Vorhaltungen verhört, jedoch sagten diese nicht gegen Grötzinger aus.

Die Mütter der beiden Zeugen Ott und Jerg wurden von Nazis angriffen dass sie nichts arbeiten. Daraufhin wurden die Beiden von Lindenmaier eingestellt.

Lindenmaier und sein Teilhaber Benzinger hatten wohl Probleme miteinander. Am Tag der Hinrichtung soll Benzinger zu Hans Jerg gesagt haben: „heute wird ein Freund gehängt“ Hans Jerg antwortete, „Das ist nicht mein Freund, er ist halt ein Mensch!“

Nach der Aussage von Paula Pflug soll sich die Verhaftung wie folgt abgespielt haben. Nach der Auseinandersetzung reagierte Alois Grötzinger indem er am darauffolgenden Tag Dimitrij Siwidow und Viktor Kusmezow sowie einen weitere Russen verhaften lies.

Die drei wurden im Rathaus in Untersulmetingen verhört. Die Untersulmetinger Ratsschreibern Paula Pflug steckte Dimitrij in der Arrestzeit in Untersulmetingen Essen zu. Nach der damaligen Gesetzeslage war für Kriegsgefangene bei einem tätlichen Angriff die Todesstrafe vorgesehen. Nun wurde dem Gefangenen bewusst in welcher Gefahr er sich befand. Dimitrij Siwidow soll sich vor lauter Verzweiflung die Fingernägel und Fingerkuppen aufgekaut haben.

Im Anschluss nach dem Verhör wurden die der Gefangenen nach Ulm zur Gestapo überstellt.

Anzuführen ist, dass der Biberacher Kreisleiter der NSDAP Bauer den Fall Dramatisiert hatte und es vermutlich durch seine Aktivitäten zu dem Todesurteil kam.

Bauer war als „Vielschreiber“ bei der Gauleitung bekannt. Er hatte fast täglich belanglose Vorkommnisse im Kreis an seine Vorgesetzten weitergeleitet. So Otto Hill der ehemalige ehrenamtliche Gauleiter der NSDAP in einer eidesstattlichen Erklärung vom 14.01.1949

In der Erklärung von Willi Müsigmann aus Bietigheim, vom 08. Juni 1947, er war Schreibkraft beim Biberacher Kreisleiter der NSDAP Bauer, erklärte er folgendes zu Alois Gretzinger: 

  1. Alois Gretzinger wurde durch die Kreisleitung Biberach mit der Verwaltungsmäßigen Geschäftsführung der Ortsgruppe Obersulmetingen beauftragt....
  2. Gretzinger hatte keinerlei Befugnisse politischer Art, dieselben hat sich Kreisleiter Bauer vorbehalten und von Fall zu Fall verfügt oder Obergauleiter Reitter beauftragt Angelegenheiten politischer Art zu regeln....
  3. Gretzinger war lediglich Blockleiter. In der Beauftragung hieß es ausdrücklich, dass er nur mit der „Wahrnehmung der Geschäfte“ beauftragt sei und dass er kein erweise die Berechtigung habe, die Uniform eines Hoheitsträgers (Ortsgruppenleiter) zu tragen....

NSDAP Kreisleiter Bauer konnte in der Sache nicht mehr vernommen werden, es ist nur bekannt, dass er Suizid beging.

 

Das Urteil

Das Schnellgericht der Gestapo in Stuttgart verurteilte den Dimitrij Siwidow zum Tode durch Erhängen. Das Urteil sollte am Tatort, beim Steg über die Riss in Obersulmetingen vollzogen werden. Die Begründung für das harte Strafmaß war: „die Beleidigung der Partei“.

Archivunterlagen zu diesem Prozess bzw. Urteil konnten bislang nicht ausfindig gemacht werden

 

Die Hinrichtung

Mit dem Urteil, welches durch die „Beleidigung der Partei“ begründet wurde, war auch der Ort der Hinrichtung verfügt.

Es sollte der Ort des Geschehens sein, also am Steg über die Riss bei Obersulmetingen.

 

Aus dem Gedächtnisprotokoll von Hans Jerg:

Die Obersulmetinger Bewohner erhoben Einspruch gegen den Ort der Hinrichtung. So wurde der „Heuberg“ zwischen Untersulmetingen und Risstissen als Richtstätte gewählt. Der Bereich war an einem Waldrand an der Grenze zur Risstisser Markung mit der Flurnamen „Heuberg“ im Volksmund „Hailenberg“. Heute wachsen an der Stelle Eichen.

Das SD-Kommando aus Stuttgart oder Biberach ???? hatte einen mobilen Galgen für Hinrichtungen vor Ort. Dieser war auf einem LKW verladen und wurde je nach Bedarf an der Richtstätte aufgebaut.

Zur Hinrichtung wurden am 20. Oktober 1943 um 10 Uhr viele Zwangsarbeiter aus dem gesamten Umland zur Richtstätte befohlen. Der „Volkssturm“ bewachte die Hinrichtung. Das Hinrichtungskommando kam damals bereits von einer Hinrichtung in einer Gemeinde am Bussen.

Ziel war es mit der Hinrichtung einen gewissen Abschreckungseffekt für die anderen Zwangsarbeiter zu erreichen. Über die Volkssturmmänner ist verbreitet worden, dass die sonstige Bevölkerung unter Androhung von Strafen von der Richtstätte fern bleiben müssen. Dennoch hatten zwei Risstisser im damaligen Jungwald gestanden und die Hinrichtung verfolgt.

Das Urteil ist in drei Sprachen, deutsch, russisch und polnisch verlesen worden.

Am Mittwoch, den 20. Oktober 1943 wurde das Urteil um 10:20 Uhr vollstreckt.

Nach der Hinrichtung wurde die Leiche von Dimitrij Siwidow auf Befehl von den anwesenden Zwangsarbeitern entkleidet.

In einer Holzkiste wurde die Leiche auf einem Handwagen, einem Berner-Wägele, zum Friedhof in Niederkirch gebracht. Wiederum durch die anwesenden Zwangsarbeiter. Der Sohn von Alois Gretzinger, dieser war später Polizist in Eberhardszell, soll sich dabei unrühmlich hervorgetan haben, indem er die Zwangsarbeiter zur schnelleren Gangart angetrieben habe.

Aus der Chronik der Familie Hubertus Braig wird berichtet, dass der Lehrer Göttle an diesem Morgen für Dimitrij Siwidow in der Schule beten lies, obwohl dies nicht gerne gesehen wollte.

Die Henkersmannschaft traf sich nach der Hinrichtung unter der Leitung des Ortsgruppenleiters Anton Herre in dessen Gastwirtschaft „Rose“. Es soll ein „Saufgelage“ stattgefunden haben.

Der LKW mit dem Galgen parkte währen dessen von der Wirtschaft. Der Galgen war mit einer Plane abgedeckt. Die Schulkinder, darunter Erika Gapp, „spickelten“ mit einer Mischung aus Neugier und Grauen unter die Plane.

  

Das versuchte Vergessen

Alle russischen und polnischen Zwangsarbeiter mussten an der Hinrichtung teilnehmen. Durch einen Dolmetscher wurden die Zeugen im Angesicht des getöteten Landsmannes verwarnt.

Nach der Vollstreckung traf sich die Henkersmannschaft im Gasthaus „Rose“ beim Bürgermeister Anton Herre. Dieser war ein überzeugter Nationalsozialist. Anton Herre war bis kurz vor Kriegsende Bürgermeister von Untersulmetingen.

Die Untersulmetinger Bevölkerung war über das Urteil entsetzt.

Als zum Ende des Krieges amerikanische Panzer nach Untersulmetingen einrückten versuchte Alois Gretzinger in Todesangst sich der Verhaftung durch Flucht zu entziehen und überrannte vor der Tür stehende Personen. Die Soldaten nahmen ihn nach einem Warnschuss fest. Die noch anwesenden russischen Kriegsgefangenen nutzten die Gelegenheit sich an Gretzinger zu rächen und verabreichten ihm eine tracht Prügel.

Alois Gretzinger ist in den Internierungslagern Bietigheim, Kornwestheim und Ludwigsburg in Haft gekommen.

  

Die Begräbnisstätte

Dimitrij Siwidow wurde in ungewiehener Erde bestattet. Sein erstes Grab hatte er direkt an der Friedhofsmauer im Friedhof in Untersulmetingen / Niederkirch. Dies ist nach dem Friedhofstor gleich rechts zwischen Weg und Mauer. Heute macht der Weg um die Kirche einen kleinen Bogen. An dem Grab wurde von einem deutschen schwerkriegsbeschädigten Soldaten ein byzantinisches Kreuz errichtet, das aber immer wieder von unbekannten entfernt wurde, so Hans Jerg.

Mit bei der Beerdigung von Dimitrij Siwidow war der Mesner Herr Bär und Herr Volz von der damaligen Tankstelle beauftragt.

Nach Kriegsende wurde die Leiche von Dimitrij Siwidow nach Biberach in den alten Friedhof, den sogenannten „Russenfriedhof“ umgebettet. Dort befindet sich ein unvollständiges Namensschild, welches nur die Aufschrift „ SIWIDOW IMITRIJ“ trägt.

Neben Dimitrij Siwidow wurden weitere 18 aus Russland bzw. der Ukraine stammende Personen nach Biberach von anderen Begräbnisstätten umgebettet, darunter sind drei Kinder.

An dieser Stelle im Friedhof in Untersulmetingen wurde am 25. März 1944 auch die Zwangsarbeiterin Warwara Sawkina beerdigt, sie war am 02.01.1864 geboren. Sie war an „Altersschwäche“ gestorben, so gab es ihre Tochter Elena Ewstratowa an.

Auch wurde auch Benno Ziegler an dieser Stelle beerdigt. Er hatte sich von der Kirche abgewandt und war mit der Jüdin Karoline Ziegler geb. Gideon verheiratet. Seine Frau Karoline Zeigler ist im jüdischen Friedhof in Laupheim beerdigt. Auf dem Grab steht Berta Ziegler.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Akten zu Alois Gretzinger

Gegen Alois Gretzinger wurde nach dem Krieg durch die Alliierte Besatzung ein Gerichtsverfahren geführt, welches eine Freiheitsstraße gegen Gretzinger verfügte.  

Die Gerichtsakten umfassen mehrere hundert Seiten, diese sind alle im Staatsarchiv Sigmaringen unter der Nummer Wü 13 T Nr. 2644/137 und Wü 13 T 2 Nr. 877/025 archiviert. Neben der Anklageschrift und einigen persönlichen Stellungnahmen durch Gretzinger sind auch einige Vernehmungsprotokolle erhalten. 

Auffallend in den Akten sind die Leumundszeugnisse von Personen die Alois Gretzinger nahe standen. Deren Wahrheitsgehalt muß in Zweifel gezogen werden, auch wurden diese Zeugnisse wohl auch nicht von der Untersuchungskommission groß beachtet Auffallend ist, dass hier nur Abschriften vorhanden sind. Die Wortwahl ist in allen Zeugnisabschriften ähnlich, weshalb hier die Vermutung nahesteht dass die Zeilen von einer Person verfasst wurden.

Folgende Personen stellten Alois Gretzinger ein Zeugnis aus:

-         Gottfried Norz

-         Franz Herre

-         Moll, Maestle, Stoehr, Locherer

-         Kot Alexandra (Russin)

-         Josef Kaestle

-         W. Muessigmann / Bietigheim

Jedoch das Zeugniss der Russin Kot Alexandra wurde besonders erwähnt, dies ist auch im Original unterschrieben. Weiter ist eine eidesstattliche Erklärung unter den Akten in welcher sich Frau Kot für Alois Gretzinger einsetzt. Sie Berichtet auch über den Vorfall, den Sie aber nicht persönlich beiwohnte. Der Bericht bezieht sich auf Erzählungen ihrer Landsleute. Das zwei Seitige Schriftstück ist handschriftlich niedergeschrieben. Hier fällt auf, daß die Unterschrift mit der Adresse nicht die selbe Handschrift ist als im Bericht.  

Besonders muß hier ein ärztliches Attest der Laupheimer Arztes Dr.med F. Proß Erwähnt werden. Folgender Text verfasste der Mediziner:

Laupheim, den 9.1.46

Herr Alois G r e t z i n g e r geb. 20.6.1902 war meines Erinnerns Anfang 43 in meiner Behandlung wegen einer Prellung in der Nierengegend und am Kopf. Herr Gretzinger war damals einige Wochen arbeitsunfähig. Ein genaues Datum kann ich nicht angeben da die Akten über diesen Unfall infolge Kriegseinflüssen nicht mehr vorhanden sind.

( Handschriftliche Unterschrift)

Hier ist anzumerken, dass Laupheim, bis auf den Flugplatz von Kriegseinflüssen verschont blieb. Wie es also da zum Verlust von Krankenakten gekommen sein soll, ist ein Rätsel. Es ist zu mutmaßen, dass der Arzt in seinem Attest die Verletzungen nicht wahrheitsgemäß schilderte.

Alois Gretzinger war von 25. 04.1945 bis 26.05.1948 in Kornwestheim und Balingen in einen Internierungslager.

 

Die Verurteilung von Alois Gretzinger

Die Sonderspruchkammer für die Internierten des Lager Balingens hatte am 08. März 1949 das Urteil über Alois Gretzinger verkündet.

    1.      Der Betroffene wird als Minderbelastet eingestuft. Es wir ihm eine Bewährungsfrist von zwei Jahren auferlegt. ...

 ....Der Betroffene hat die Kosten des Verfahrens zu tragen, die aus einem Streitwert von DM 3000.- zu berechnen sind.

2.      Als Minderbelasteter unterliegt er keiner weiteren Internierung und ist daher endgültig zu entlassen.

In der Begründung über 2 ½ Seiten wird zunächst sein Lebenslauf und seine politische Laufbahn beschrieben. Ferner wird für die Ursache der Hinrichtung von Dimitri Siwidow eindeutig die Anzeige des Beschuldigten erkannt. Jedoch hätte er für den Verlauf des Verfahrens und letztlich die Hinrichtung keinen Einfluss gehabt.

Es wird weiter erkannt, dass der Betroffene eine Anzahl von Zeugnissen vorgelegt hat in dem ihm ein anständiges, menschliches und mitfühlendes Verhalten bescheinigt wird. Er sei nie gewalttätig oder bösartig gegenüber anderen gewesen, Ausländer hätte er stets anständig und korrekt behandelt.

Mit Rücksicht auf die lange Internierungshaft und seine ungünstigen wirtschaftlichen Verhältnisse hatte die Kammer von weiteren Maßnahmen, insbesondere die Auferlegung einer Geldbuße abstand genommen.

 Quellen:

-                     Buch Alte Heimat neue Heimat von Robert Ess

-                     Familienchronik Hubertus Braig

-                     Familienchronik Werz aus Obersulmetingen

 

Recherchiert und Verfasst von

Michael Schick

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