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2022

Von Thomas Werz, Schwäbische Zeitung Laupheim

Ein ganzes Leben dokumentiert auf sechs Seiten

 

Zum 80. Mal jährt sich die letzte Deportation Laupheimer Juden - Eine von ihnen war Lina Richter

 

Zum 80. Mal jährt sich am heutigen Freitag (19.08.2022) die letzte Deportation Laupheimer Juden vom Westbahnhof. Dieser Tag markiert das gewaltsame Ende der jüdischen Gemeinde in Laupheim. Unter den 43 Frauen und Männern im letzten der vier Transportzüge war auch Lina Richter. Christoph Schmid von der Gesellschaft für Geschichte und Gedenken hat das Schicksal dieser Frau recherchiert, deren geplante Flucht vor dem NS-Regime tragisch am Kriegsbeginn scheiterte.Christoph Schmid sitzt in seiner Wohnung unter dem Dach in der Kapellenstraße 30. Vor sich auf dem Tisch hat er mehrere Unterlagen ausgebreitet, die er über das Leben von Lina Richter zusammengetragen hat. Zuoberst liegen sechs kopierte Seiten aus dem Staatsarchiv Ludwigsburg: „Geschlossene Sendung, 1. August 1939, Lina Sara Richter, Ludwigsburg Leonbergerstr. 18“.Es ist eine detaillierte Auflistung des gesamten Hausrats und persönlicher Habseligkeiten, die Lina Richter, geborene Laupheimer, im Sommer 1939 einer Stuttgarter Speditionsfirma übergeben hatte, um sie über Rotterdam nach New York zu verschiffen. Intensiv habe sich die damals 67-Jährige im Sommer 1939 um eine Ausreise in die USA bemüht, berichtet Schmid. Doch der deutsche Überfall auf Polen und der Beginn des Zweiten Weltkriegs am 1. September machen ihre Fluchtpläne zunichte. Diese sechs Seiten, so Schmid, rühren ihn ganz besonders. „Diese Liste verbindet mich sehr stark mit ihr. Sie ermöglichen einen Besuch im Haus dieser Frau“, sagt Schmid. Akribisch wurde der gesamte Besitz notiert: einzelne Möbelstücke, Küchengeräte und -utensilien, sämtliche Kleidungsstücke, Bettzeug, der „Photo-Apparat, Agfa“, Fotografien von Angehörigen und sämtliche Kleinteile, die sich in einem Leben ansammeln - alles versehen mit Datum und Preis. „Ein ganzes Leben auf sechs Seiten“, sagt Schmid. Offensichtlich sei Lina Richter stolz gewesen, auf ihre Lebensleistung und ihr Lebenswerk, das sie nicht in Deutschland zurücklassen wollte - was die Ausreise in die USA wohl so verzögerte, dass diese schlussendlich nicht mehr gelang.Hier in der Kapellenstraße 30, die damals noch die Hausnummer 28 hatte, wird Lina Laupheimer am 13. Oktober 1875 geboren. Ihr Vater Michael Laupheimer und seine Frau Bertha haben hier eine jüdische Metzgerei. Lina verbringt in diesem Haus gemeinsam mit ihren sieben Geschwistern ihre Kindheit. Nach der Schulzeit ziehen die junge Frau und ihre vier Schwestern Emma, Regina, Frieda und Mina in die Stuttgarter Gegend. Die vier Schwestern betreiben später in Bad Cannstatt und Ludwigsburg gut gehende Wäschegeschäfte, das lässt sich den Recherchen von Christoph Schmid entnehmen. Lina, die in Bad Cannstatt als Näherin arbeitet, heiratet 1913 den evangelischen Kaufmann Otto Richter. Das Paar zieht nach Hannover und lebt dort bis Ende der 1930er-Jahre.Durch den Tod des Ehemannes verliert Lina Richter jedoch den Schutz vor der NS-Verfolgung, den ihr die „Mischehe“ gewährt. Im März 1938 zieht sie zurück zu Emma, Regina und Frieda nach Ludwigsburg. Als die drei Schwestern Ende 1938 gezwungen werden, das Textilgeschäft aufzugeben, kehren sie nach Laupheim zurück. Lina bleibt vorerst in der Stadt wohnen. Im Oktober 1939 wird sie durch die jüdische Landumsiedlung nach Laupheim ausgewiesen.„In Ludwigsburg gibt es auch einen Stolperstein mit dem Namen von Lina Richter“, berichtet Christoph Schmid. Diese im Boden verlegten Gedenktafeln aus Messing erinnern an die Menschen, die während des Nationalsozialismus verfolgt, deportiert und ermordet wurden. Die Ludwigsburgerin Gudrun Karstedt hat das Schicksal von Lina Richter und ihren drei Schwestern erforscht, so Schmid. Über ihre Recherchen seien Karstedt und er in Kontakt gekommen. So stammt auch das einzige erhaltene Foto von Lina Richter aus Ludwigsburg. „Hätte auch Laupheim hier mitgemacht, dann gäbe es allein acht Stolpersteine vor der Kapellenstraße 30“, sagt Schmid. Das müsse man sich vorstellen: Sieben Geschwister der Familie Laupheimer sowie Arthur Grab, der Ehemann der jüngsten Schwester Luise, wurden Opfer des Holocaust.Neben ihren Schwestern kommt also auch Lina Richter noch einmal in ihrem Geburtshaus in der Kapellenstraße unter. Schwester Luise und ihr Mann Arthur Grab betreiben dort bis zur Zwangsschließung durch die örtlichen Behörden ein Schuhgeschäft. Nur der jüngere Bruder Sigmund, der die Familientradition der jüdischen Metzger fortgeführt hatte, fehlt. Er wurde während der Novemberpogrome 1938 ins KZ Dachau verschleppt und dort von Wachmännern erschlagen, berichtet Schmid.Im Oktober müssen die letzten noch in Laupheim lebenden jüdischen Einwohner ihre Häuser und Wohnungen verlassen und das Barackenlager in der Wendelinsgrube vor den Toren der Stadt beziehen. Arthur Grab habe als letzter Sprecher der jüdischen Gemeinde noch versucht, einen Wasser- und Stromanschluss für die einfachen Holzbaracken zu erreichen, berichtet Schmid. Das Gesuch wurde durch die Verwaltung abgelehnt. „Das muss man sich vorstellen. Das war bereits die Vorstufe der Konzentrationslager, direkt vor den Toren Laupheims“, sagt Schmid.Bereits Ende November beginnen die Deportationen der Laupheimer Juden in die Konzentrationslager im Osten. Von Lina Richter gibt es noch ein offizielles Dokument, ausgestellt für den 9. Dezember 1941, erklärt Christoph Schmid. Es ist die polizeiliche Erlaubnis, das Lager in der Wendelinsgrube von 12 bis 20 Uhr für eine Fahrt nach Ulm zu verlassen. „Wahrscheinlich war es ihr letzter Versuch, der tödlichen Falle zu entkommen“, heißt es in der Recherche von Christoph Schmid.Am 19. August 1942 wird Lina Richter mit 42 weiteren, vorwiegend älteren jüdischen Laupheimerinnen und Laupheimern vom Westbahnhof deportiert. Fotos von diesem letzten Transport gebe es keine, so Schmid. Über das Sammellager Stuttgart führt der Deportationszug ins böhmische Konzentrationslager Theresienstadt. Vier ihrer Geschwister werden von dort weiter in das Vernichtungslager Treblinka verschleppt und dort ermordet. Lina Richter bleibt in Theresienstadt zurück und überlebt dort noch mehr als ein Jahr. Ihr Tod ist am 21. November 1943 vermerkt. „Eine Grabstätte bleibt ihr verwehrt“, schreibt Christoph Schmid. So bleiben die einzigen Erinnerungen an Lina Richter der Stolperstein in Ludwigsburg und ihr Name auf der Gedenktafel auf dem jüdischen Friedhof ihrer Heimatstadt.

 

 

Lina Richter (Bild oben) hatte schon alles für ihre Emigration in die USA vorbereitet. Sie gehörte zu den letzten Laupheimer Juden, die am 19. August 1942 deportiert wurden. Sie starb am 21. November 1943 im Konzentrationslager Theresienstadt. Das Geburtshaus von Lina Richter, geborene Laupheimer, in der Kapellenstraße 30.

Christoph Schmid von der Gesellschaft für Geschichte und Gedenken hat den Lebens- und Leidensweg der Laupheimer Jüdin Lina Richter recherchiert. Besonders berührt Schmid eine sechsseitige Liste ihres gesamten Besitzes, den Richter für die Ausreise in die USA kurz vor Kriegsbeginn einer Stuttgarter Spedition übergab.

(Foto: Thomas Werz)

 

 

 

In Gedenken an  

Yitzhak Heinrich

Steiner

 

Ehrenmitglied der Gesellschaft für Geschichte und Gedenken e.V.

 

geboren am 12. August 1931 in Laupheim

gestorben am 22. März 2022 in Israel

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